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Barack Obama : Der Anthropologe

Begnadeter Wahlkämpfer: Barack Obama Bild: AFP

Heute beginnt der Nominierungsparteitag der Demokraten - ein Heimspiel für Präsident Obama. Am liebsten würde er noch mehr Wahlkampf treiben, in dieser Rolle fühlt er sich wohl. Das politische Spiel in Washington dagegen analysiert er lieber, als dass er es mitspielt.

          Barack Obama hat sich verändert, seit er vor vier Jahren beim Parteitag der Demokraten in Denver in Colorado die Präsidentschaftskandidatur annahm. Die Aussicht auf den Triumph, der sich zwei Monate später erwartungsgemäß einstellte, schien ihn durch den Wahlkampf zu tragen. Jetzt sind die Haare ergraut. Das Lächeln ist zwar so strahlend wie eh und je, aber es scheint nicht mehr von Herzen zu kommen, sondern wirkt wie eingeschaltet. Rasch verfliegt es wieder. Was sich nicht groß geändert hat, ist Washington. Jedenfalls nicht zum Besseren: Der Parteienstreit ist eher noch giftiger als zuvor. Beide Seiten schreien sich an und stellen sich taub. Die politische Blockade scheint unüberwindbar.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          An diesem Dienstag beginnt in Charlotte in North Carolina der Nominierungsparteitag der Demokraten. Auch in diesem Jahr wird Obama den Höhepunkt seiner Krönungsmesse nicht in der Halle, sondern unter freiem Himmel in einem Football-Stadion zelebrieren, diesmal freilich ohne griechische Säulen auf der Bühne. Anders als sein republikanischer Konkurrent Mitt Romney und anders als er selbst vor vier Jahren hat Obama keinen zermürbenden Vorwahlkampf durchstehen müssen. Weit und breit keine Hillary Clinton, die ihm das Leben schwermachte. Obama ist unangefochten in seiner Partei. Und doch scheint schon über den Vorbereitungen eine Schwere zu liegen. Dutzende Busse haben die Organisatoren gemietet, um genügend Zuschauer ins „Bank of America“-Stadion von Charlotte zu bringen, wo sonst die „Carolina Panthers“ dem eiförmigen Football nachjagen.

          „Hoffnung und Wandel“

          Aus dem Kandidaten von „Hoffnung und Wandel“, der nicht nur die Überwindung des Zanks in Washington, sondern sogar den „Beginn der Heilung des Planeten“ anvisiert, der in seiner Antrittsrede als Präsident „das Ende des kleinlichen Klagens“ und den „Sieg der Hoffnung über die Angst“ sowie „der Einheit des Ziels über Konflikt und Zwietracht“ verheißen hatte, ist ein Wahlkämpfer geworden, der in der Wahlkampagne seinen Herausforderer persönlich verunglimpft. Und dabei gibt sein Wahlkampfstab seit Monaten mehr Geld aus, als Parteispenden hereinkommen.

          Der hohen Hoffnung nach der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten, der mit seinem Charisma Millionen für sich einnahm, ist tiefe Ernüchterung gefolgt. Schon zwei Jahre nach dem Triumph Obamas hatten ihm die Wähler bei den Kongresswahlen im November 2010 eine schallende Ohrfeige verpasst. Seither haben die Republikaner die Mehrheit im Abgeordnetenhaus. Natürlich gibt sich Obama vor der Präsidentenwahl am 6. November in der Öffentlichkeit siegessicher. Aber Freunden gegenüber soll er zugegeben haben, dass er seine Abwahl nach einer Amtszeit für möglich hält. Dass die Demokraten wie vor vier Jahren die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses erringen könnten, gilt jedenfalls als hochgradig unwahrscheinlich. Meinungsumfragen legen vielmehr nahe, dass die Republikaner auch noch den Senat in ihre Hand bringen könnten.

          Obamas langjähriger Vertrauter David Axelrod, einst Chefberater im Weißen Haus und jetzt wieder Manager seines Wahlkampfteams, sieht den Grund für den Stillstand in Washington bei der Opposition. „Die Führung der Republikaner war ein unerbittlicher Gegner“, sagt Axelrod: „Sie haben kein Hehl daraus gemacht, dass sie vom ersten Tag der Präsidentschaft Obamas an in keiner wichtigen Frage zu Kompromissen bereit sein würden.“ Der Minderheitsführer der Republikaner im Senat, Mitch McConnell, schiebt dagegen dem Weißen Haus die Schuld zu. „Ihre Agenda während der ersten zwei Jahre war es, ihre Wunschliste abzuhaken und das Land so weit wie möglich nach links zu bewegen“, sagte McConnell.

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