https://www.faz.net/-gpf-8n65l

Wie wichtig sind die Asiaten? : Die vergessene Minderheit

  • -Aktualisiert am

Amerikaner mit asiatischen Wurzeln sind im Wahlkampf eher selten zu sehen. Bild: Picture-Alliance

Schwarze und Latinos wählen Clinton, Weiße ohne hohen Bildungsabschluss Trump. Doch beide Kandidaten haben im Wahlkampf eine Gruppe außen vorgelassen: die Asiaten. In der Zukunft könnte das verheerend sein.

          „Frauen für Trump“, „Veteranen für Trump“, „Latinos für Trump“, „Schwule für Trump“ — scheinbar für jede erdenkliche demographische Gruppe gibt es ein Schild, um deren spezifische Unterstützung, manchmal im unerklärlichen Widerspruch zu ihrer sexuellen oder ethnischen Intensität, in fetten, weißen Großbuchstaben auszudrücken. Ein Schild jedoch bleibt Trump stets fern, auf Bildern seiner Veranstaltungen ist es nicht zu entdecken, auf dem Twitter-Feed des Republikaners nur vergeblich zu suchen. Es ist das Schild mit der Aufschrift „Asiaten für Trump“, und dessen Mangel an Präsenz liegt nicht etwa an einer dramatischen Abneigung aller Asiaten gegenüber dem Republikaner – sondern daran, dass es so ein Schild nicht gibt.

          Sowohl der republikanische Präsidentschaftskandidat als auch seine demokratische Gegnerin Hillary Clinton haben die Asiaten Amerikas nicht gerade zur Zielgruppe ihrer Kampagne erklärt – vielleicht, weil die größte Anzahl an Asiaten in Kalifornien und New York leben, zwei Staaten, die so oder so am Dienstag demokratisch wählen werden. Doch so knapp, wie die Umfragen in manchen umkämpften Staaten sind, könnte selbst eine Gruppe, die 5,6 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, ausschlaggebend sein – zumal Asiaten die am schnellsten wachsende Minderheit in den Vereinigten Staaten sind. In Nevada allein hat sich ihr Bevölkerungsanteil seit 2010 mehr als verdoppelt.

          „Amerikaner mit asiatischen Wurzeln werden von beiden politischen Parteien übersehen,“ sagt Terry Ao Minnis, Juristin und Leiterin der Wahlprogramme von „Asian Americans Advancing Justice,“ einer Organisation, die sich für die Rechte von Asiaten einsetzt. Im Mai hat die Organisation eine Studie veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass 73 Prozent aller Asiaten in Amerika noch nie auch nur von der republikanischen Partei kontaktiert wurden. Nur 38 Prozent sind jemals in Kontakt mit den Demokraten gekommen. Rund 70 Prozent der registrierten asiatischen Wähler wurden im aktuellen Wahljahr weder von Trumps noch von Clintons Kampagne kontaktiert.

          Das ist ungewöhnlich selten für Amerika, ein Land, in dem der Präsidentschaftswahlkampf rund eineinhalb Jahre andauert, tausende Freiwillige von Haus zu Haus ziehen und willkürlich herumtelefonieren, um andere von ihrem Kandidaten zu überzeugen. Der Mangel an Kontakt zu den Parteien könnte einer der Gründe sein, warum asiatische Amerikaner mitunter die niedrigste Wahlbeteiligung aller Minderheiten im Land haben. Bei der Präsidentenwahl im Jahr 2012 haben nur 47,3 Prozent dieser demographischen Gruppe gewählt. Zum Vergleich: Bei den Weißen lag die Wahlbeteiligung bei 64,1 Prozent, von den Schwarzen haben 66,2 Prozent gewählt. Nur bei den Latinos herrschte eine vergleichbar niedrige Wahlbeteiligung: Lediglich 48 Prozent gaben 2012 ihre Stimme ab. Das wird sich in diesem Wahljahr höchstwahrscheinlich ändern, denn Lateinamerikaner sind zu einer der zentralen Gruppen im Wahlkampf geworden – selbst für Trump.

          Umfragen

          Woran liegt die Stille der asiatischen Bevölkerung Amerikas? Die Vergesslichkeit – oder Ignoranz – der zwei großen Parteien ist nicht der einzige Grund. Rund ein Viertel der asiatischen Amerikaner sind laut dem Umfrageinstitut „Pew Research Center“ Einwanderer erster Generation, der höchste Anteil von allen Minderheiten im Land. „Drei von vier Asiaten sprechen zuhause eine andere Sprache,“ sagt Minnis, „und fast ein Drittel aller asiatischen Amerikaner haben Schwierigkeiten mit der englischen Sprache.“

          „Die Sprachbarriere ist ein großes Problem“, stimmt Alton Wang zu. Wang ist Sprecher von „Asian and Pacific Islander American Vote“, einer Organisation, die versucht, mehr Asiaten an die Wahlurnen zu bringen. Er kennt die enttäuschenden Daten zur Wahlbeteiligung unter asiatischen Amerikanern, betont aber, dass von denen, die sich registrieren lassen, 84 Prozent auch tatsächlich zur Wahlurne schreiten. „Das ist vergleichbar mit anderen Gruppen,“ so Wang. Dass netto dennoch so wenige wählen, erklärt er sich damit, dass „die amerikanische Politik und die Wahlprozedur für viele neu sind.“

          Das könnte sich in diesem Jahr ändern, denn Wangs Organisation mobilisiert in einer Koalition mit anderen Gruppen seit Wochen in 25 Staaten Wähler, hilft dort etwa vor Ort mit dem Ausfüllen der Formulare für die Wahlregistrierung. Darüber hinaus würden sich in diesem Jahr mehr asiatische Amerikaner zur Wahl für politische Ämter aufgestellt haben als je zuvor, so Wang.

          Für die Republikaner könnte diese demographische Gruppe langfristig zum Problem werden. Asiatische Amerikaner wählen doppelt so oft demokratisch wie republikanisch – Tendenz steigend, wie eine im Oktober veröffentlichte Umfrage zu Wahlpräferenzen unter Asiaten zeigt. Was die aktuellen Präsidentschaftskandidaten angeht, ist der Unterschied sogar noch gravierender: 55 Prozent favorisieren Clinton, nur 14 Prozent würden Trump wählen. Der Rest war zum Zeitpunkt der Umfrage noch unentschieden oder möchte für keinen der Kandidaten wählen. Clintons stärkste Unterstützer sind den Ergebnissen nach junge und weibliche Asiaten.

          „Trump hat die schlechtesten Ergebnisse erhalten, selbst unter allen Kandidaten, die sich ursprünglich für die Vorwahlen aufgestellt haben,“ sagt Wang. Der Grund dafür liege wohl an dessen Anti-Einwanderer-Rhetorik, die laut „Asian Americans Advancing Justice“ für fast die Hälfte aller asiatischen Amerikaner Anlass zum Parteiwechsel ist. Aber selbst bei Kongresswahlen, für die Trump ja nicht kandidiert, haben Demokraten bei den Asiaten die Oberhand: Sie wählen doppelt so oft blau wie rot.

          Bis 2065 könnten Asiaten 14 Prozent der amerikanischen Gesamtbevölkerung ausmachen, prognostiziert das „Pew Research Center“. Damit wäre ihr Anteil dann größer als der der Afroamerikaner. „Die asiatisch-amerikanische Wählerschaft wächst weiter,“ sagt Minnis. „Es wird schwerer für beide politische Parteien, unsere Gemeinschaft weiter zu ignorieren.“

          Weitere Themen

          Auch Merkel wurde überrascht Video-Seite öffnen

          Irans Außenminister bei G-7 : Auch Merkel wurde überrascht

          Irans Außenminister Mohammed Dschawad Sarif war am Sonntag überraschend beim G7-Gipfel in Biarritz eingetroffen, um Lösungen im Streit über das Atomprogramm seines Landes zu sondieren.

          Topmeldungen

          Proteste gegen China : Hongkong ist eine Gefahr für die Weltwirtschaft

          Chinas innenpolitischer Konflikt bedroht die ohnehin schon trübe Weltkonjunktur. Auch Pekings Vorgehen gegen die Fluggesellschaft Cathay sollte deutschen Unternehmen eine Warnung sein – denn auch Daimler und Lufthansa gerieten schon mal ins Fadenkreuz.

          TV-Kritik: Anne Will : Wiederbelebung der Neiddebatte

          Die SPD hatte bisher das einzigartige Talent, die Probleme ihrer Konkurrenz zu den eigenen zu machen. Bei der Debatte um den Solidaritätszuschlag scheint das anders zu sein, wie bei Anne Will zu beobachten war.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.