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Amokläufe in Amerika : „Wenn wir genug Leute loswerden“

  • -Aktualisiert am

Gedenken an die Opfer von El Paso in der mexikanischen Schwesterstadt Ciuda Juarez Bild: AFP

Vieles spricht dafür, dass der Täter von El Paso kurz vor dem Massenmord eine Rechtfertigung seiner Tat im Internet veröffentlichte. Die rechtsradikale These vom angeblich konzertierten Bevölkerungstausch durfte nicht fehlen.

          Die Ermittler in El Paso geben sich zunächst zurückhaltend. Es gebe „Anzeichen für einen Zusammenhang“, so Polizeichef Greg Allen am Samstagabend vorsichtig, zwischen dem Massaker in einem Walmart-Kaufhaus vom Vormittag „und einem potentiellen Hassverbrechen“. Wieder einmal geht es dabei um ein „Manifest“, das auf dem Online-Portal 8chan gefunden wurde. Darin scheint der junge Mann, der mit seinem Sturmgewehr zwanzig Personen erschossen und 26 weitere verwundet hat, seine Tat angekündigt und begründet zu haben.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Das vierseitige Dokument mit dem Titel „Die unbequeme Wahrheit“ wurde am Samstag nach Medienberichten um 10.20 Uhr texanischer Zeit hochgeladen. Also 19 Minuten, bevor der 21 Jahre alte Patrick Crusius aus einem Vorort von Dallas das Geschäft betreten, seinen Massenmord begangen und sich dann widerstandslos festnehmen ließ. Dass er anders als so viele Amokläufer und Attentäter nicht selbst den Tod suchte, spricht ebenfalls dafür, dass er eine „politische“ Botschaft hat und dafür nun auch noch vor Gericht eine Bühne bekommen möchte. In einem Verfahren, so viel haben die Vertreter des Staats Texas am Wochenende klargemacht, in dem Crusius die Todesstrafe droht. Schon der australische Attentäter, der im März in der neuseeländischen Stadt Christchurch 51 Menschen in zwei Moscheen tötete, soll seine Tat bei 8chan angekündigt haben.

          Das mutmaßliche „Manifest“ von Crusius beginnt denn auch mit Lob für den Geistesbruder vom anderen Ende der Welt: „Grundsätzlich unterstütze ich den Schützen von Christchurch und sein Manifest. Dieser Angriff ist eine Antwort auf die hispanische Invasion von Texas.“ Einwanderer aus Lateinamerika, so die Überzeugung des Verfassers und mutmaßlichen Mörders, übernähmen zusehends die Macht in den Vereinigten Staaten. Die rechtsradikale These vom angeblich konzertierten Bevölkerungstausch durfte nicht fehlen: Weiße würden in den Vereinigten Staaten „ersetzt“, lamentiert der Autor des Manifests. Doch „wenn wir genug Leute loswerden, kann unsere Lebensart besser bestehen“. Die Staatsanwaltschaft stufte die Tat als „inländischen Terrorismus“ ein.

          Augenzeugenberichte und Handyvideos von Überlebenden aus der Walmart-Filiale deuten zwar nicht darauf hin, dass sich der Attentäter die Mühe machte, gezielt spanischsprachige oder dunkelhäutige Opfer auszuwählen. Dafür gab er zu viele Schüsse in zu kurzer Zeit ab, bis die ersten Polizisten rund sechs Minuten nach dem ersten Notruf am Tatort eintrafen. Doch allein der Umstand, dass Crusius seine Tat in El Paso verübte, lässt es plausibel erscheinen, dass sie sich gegen Latinos richtete. Die Stadt an der Grenze zu Mexiko liegt etwa zehn Autostunden von dem Haus in Nordtexas entfernt, in dem der Täter offenbar bei seinen Großeltern lebte. Nur ein Zaun und ein im Sommer oft zum Rinnsal verkümmerter Grenzfluss trennen El Paso von seiner mexikanischen Schwesterstadt Ciudad Juárez. Die Gewalt, die dort herrscht, schwappte aber nie nach Texas über – die um ihre Schmuggelrouten besorgten Rauschgiftbanden in Mexiko haben selbst ein Interesse daran, die Sicherheitsbehörden nördlich der Grenze nicht übermäßig zu reizen.

          Billig-Supermärkte wie Walmart profitieren in El Paso wie in anderen Grenzstädten auch von mexikanischer Kundschaft, die zum Einkauf über die Grenze fährt. Der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador beklagte am Wochenende den Tod von drei mexikanischen Staatsangehörigen. Auf welcher Seite der Grenze sie zuletzt wohnten und ob sie sich legal in den Vereinigten Staaten aufhielten, blieb zunächst unklar. Wann immer sich die Migrationskrise an der amerikanischen Südwestgrenze zuspitzt, steht El Paso besonders im Fokus. Vermutlich hat keine andere Stadt in den vergangenen Monaten mehr zentralamerikanische Asylbewerber aufgenommen. Doch das verlief in der zweisprachig geprägten Stadt, politisch fest in Demokraten-Hand, ohne große Konflikte. Präsident Donald Trump freilich verbreitete ein anderes Bild. Nicht zufällig hielt er seine erste große Kundgebung dieses Jahr in El Paso ab, kurz bevor er einen nationalen Notstand an der Grenze erklärte, um die angebliche „Invasion“ mit einer vom Pentagon bezahlten Grenzmauer stoppen zu können. Am Samstagabend bezeichnete Trump das Massaker als „tragisch“ und als Werk eines „Feiglings“. Einer der bekannteren Präsidentschaftsanwärter der Demokratischen Partei, Beto O’Rourke, stammt aus El Paso. Bei der texanischen Senatswahl im vorigen November hatte der frühere Kongressabgeordnete nur rund 200.000 Stimmen weniger als der republikanische Amtsinhaber Ted Cruz bekommen. Dieser ließ sich denn auch in einem ausgerechnet am Samstag auf Seite Eins der „Washington Post“ veröffentlichten Artikel mit alarmierten Ermahnungen an seine Partei zitieren, sie dürfe Siege im einst tief republikanischen Texas nicht mehr für selbstverständlich halten.

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