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Amerikanischer Wahlkampf : Die Technologie der Lügen

  • -Aktualisiert am

Donald Trump am 24. September bei einem Wahlkampfauftritt in Roanoke, Virginia Bild: AFP

Amerika hat seinen Sinn für gemeinsame Wahrheiten verloren, Feindschaft entzweit Politiker wie Familien. Die Zukunftstechnologie, die sich seine klügsten Köpfe ausgedacht haben, um die Nation voran zu bringen, wird jetzt wie eine Waffe dafür eingesetzt, das Land zu spalten.

          Es war eine Debatte der Anklagen, sie öffnete Abgründe an Niedertracht, Perfidie und Hass. Selten gab es so viel persönliche Feindseligkeit in einem Kandidaten-Duell, das schließlich in einer bisher historisch einmaligen Ankündigung gipfelte: Donald Trump drohte seiner Gegnerin Hillary Clinton, er werde ihr nach dem Wahlsieg einen Sonderermittler auf den Hals jagen, sie werde im Gefängnis landen. So redeten bisher nur angehende Diktatoren, aber nicht Anwärter auf das Präsidentenamt in der größten Demokratie der westlichen Hemisphäre.

          Abermals hat sich offenbart, wie zerrissen die Vereinigten Staaten sind, wie polarisiert das politische Klima ist. Nach ersten Umfragen zu urteilen, hat das Skandalvideo mit frauenfeindlichen und obszönen Äußerungen kaum Trump-Wähler vertrieben, allenfalls ein paar dutzend Republikaner aus den oberen Reihen der Partei. Was Trump wiederum dazu veranlasste, sie als abgehalfterte Parteielite zu verdammen, als Verräter und Nichtsnutze. Ganz wie es seine Klientel an ihm schätzt.

          Wie kommt es, dass sich die Stimmen der Vernunft in diesem Wahlkampf so wenig Gehör verschaffen können? Es gibt eine ganze Reihe von Gründen: Ein gesellschaftliches Klima des Misstrauens, das sich nach der Finanzkrise 2008 entwickelt hat, deren Folgen in den Vereinigten Staaten noch immer allerorten spürbar sind. Eine über Jahre gewachsene Ungleichheit, die sich besonders nach der Krise zuspitzte und vielen Amerikanern das Gefühl gab, sie würden systematisch von den Eliten in Politik und Wirtschaft abgehängt.

          Eines aber entfremdet die Menschen in der immer noch mächtigsten Nation der Welt ganz besonders voneinander: Dieses große schillernde Land mit mehr als 300 Millionen Einwohnern, dessen Kulturerzeugnisse wir verschlingen, dessen unternehmerischen Geist wir bewundern, dessen Großmachtallüren wir immer wieder fürchten und zuweilen auch hassen, kann sich nicht mehr auf gemeinsame Wahrheiten einigen. In der andauernden Konfrontation werden Tatsachen zerredet, Statistiken gebogen, Daten missbraucht. Und zwar nicht nur in der öffentlichen Debatte, sondern bis hinein in die kleinsten Einheiten, die Familien. Noch nie seit dem Vietnam-Krieg waren amerikanische Familien so zerstritten.

          Spielfiguren von Clinton und Trump in einem Laden in Denver, Colorado

          Trump hat das leichtsinnige Spiel mit der Wahrheit bis zur Meisterschaft getrieben. In der nächtlichen Debatte unterstellte er Clinton mit rüpelhafter Attitüde eine Unwahrheit nach der anderen, so dass die Demokratin ihre gesamte Redezeit hätte aufbrauchen müssen, um nur die Unrichtigkeiten zu korrigieren: Clinton wolle eine Generalamnestie für jeden, der ins Land komme. Die Regierung lasse Hunderttausende aus Ländern wie Syrien einreisen. Obama habe einen Friedensvertrag mit dem Assad-Regime geschlossen. Das amerikanische Wachstum sei auf unter einen Prozent geschrumpft, die Steuern seien die höchsten der Welt.

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