https://www.faz.net/-gpf-8ie46

Amerika nach Orlando : Trump will die Amerikaner in Angst vereinen

  • -Aktualisiert am

Schürt Hass: Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in Texas Bild: AP

Nach den Anschlägen treibt Trump seinen Keil tiefer zwischen Elite und Politik. Und übertritt dabei Grenzen seiner eigenen Partei.

          4 Min.

          Aus dem zynischen Blickwinkel der Wahlkampftaktik hat Donald Trump am vorigen Sonntag eine Chance vergeben. Nach einer Woche, in der sogar „Speaker“ Paul Ryan als ranghöchster Republikaner dem Präsidentschaftskandidaten seiner Partei „Rassismus aus dem Lehrbuch“ vorgeworfen hatte, bot das Massaker von Orlando Trump Gelegenheit zur großen Geste. Er hätte zum Beispiel an seinen Hochhäusern riesige amerikanische Flaggen aufhängen können. Oder er hätte sein Motto leicht abwandeln und sich mit präsidialer Gravitas als der Mann präsentieren können, der für Sicherheit bürgt – Make America Safe Again! Schließlich hatte Omar Mateen, selbsternannter Rächer des „Islamischen Staats“, 49 Menschen in einer Schwulenbar erschossen.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Stattdessen folgte Trump in einem der bittersten Momente der Nation seinen Instinkten und twitterte Boshaftigkeiten. Präsident Barack Obama müsse abtreten, weil er nicht vom „radikalen Islam“ rede, schrieb Trump. Er bedankte sich für die Glückwünsche, die er nach dem Blutbad bekommen habe, weil sich seine finsteren Vorhersagen erfüllt hätten. Er schürte die Angst. Im Land hielten sich Tausende Todesschützen von Mateens „Geisteshaltung“ auf, sagte er. Sie würden von Amerikas Muslimen gedeckt: „Die Leute um sie herum, meist Muslime, wissen, wer sie sind.“

          Obama und dessen Wunschnachfolgerin Hillary Clinton wollten aber weitere Terroristen ins Land lotsen. Der Flüchtlingsstrom von Syrien nach Amerika – in Wahrheit eher ein Rinnsal – sei ein „Trojanisches Pferd“. Entsprechend müsse man das Unheil hochrechnen, das der Einzeltäter Mateen in Orlando anrichtete: „Könnt ihr euch vorstellen, was sie erst in großen Gruppen machen werden, wie wir sie jetzt hereinlassen?“ Die Terroristen könnten Amerika vernichten. „Wir werden kein Land mehr haben“, unkte Trump. „Nichts, gar nichts wird noch übrig sein.“

          Die Partei bleibt bei ihrem Eiertanz

          Mehrmals legte der Kandidat nahe, dass Obama nicht nur zu schwach und zu dumm sein könnte, um die Apokalypse aufzuhalten, sondern dass er den Dschihad aus „politischer Korrektheit“ in Kauf nehme, wenn nicht gar aus noch dunkleren Motiven fördere. Vielleicht verstehe der Präsident die Bedrohung „besser als jeder andere“, orakelte Trump, habe aber „etwas anderes im Sinn“.

          Schon früher hatte sich Trump ähnlich infam über Obamas Flüchtlingspolitik ausgelassen: „Viele Leute glauben, da stecken böse Absichten hinter.“ Der Präsident wolle das Terrorproblem nicht lösen, weil es „da etwas gibt, wovon wir nichts wissen“. So belebt Trump wieder seine liebste Verschwörungstheorie: dass Obama ein Muslim aus Afrika sei. Nach dem Anschlag von Orlando bekräftigte der Republikaner, dass der Demokrat „dem Feind Vorrang“ vor „dem amerikanischen Volk gibt“.

          Trump blieb Trump. Auch seine Partei blieb bei ihrem jämmerlichen Eiertanz: Paul Ryan verurteilte die Idee eines Einreiseverbots für Muslime, konservative Kongressmitglieder rollten weiter mit den Augen oder flohen vor Reportern – aber niemand von Rang nahm seine Wahlempfehlung für Trump zurück. Umso lauter empörten sich Demokraten, dass Trump die Tragödie von Florida parteilich ausnutze. Doch das war ein Missverständnis. Trump sprach nicht als Republikaner. „Haltet einfach die Klappe“, riet er den Spitzenpolitikern seiner Partei. „Unsere Anführer müssen viel härter werden.“ Eigentlich sei die Lage zu ernst, um sie allein zu bewältigen. „Aber wisst ihr was? Ich werde dazu gezwungen sein.“

          Weitere Themen

          „Wir sind startklar!“

          Joe Biden und Kamala Harris : „Wir sind startklar!“

          Es ist ein eher bescheidener Rahmen ohne jubelnde Massen, in dem Joe Biden seine Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin vorstellt. Dennoch wagen er und Kamala Harris einen seltenen, persönlichen Auftritt – schlicht im Stil, aber kämpferisch im Ton.

          Topmeldungen

          Präsident Wladimir Putin nimmt am Freitag von seiner Residenz Nowo-Ogarjowo aus an einer Kabinettssitzung teil.

          Proteste in Belarus : Droht eine Intervention Moskaus?

          Für den Kreml ist die Lage in Belarus ambivalent – das zeigen auch die Reaktionen aus Moskau. Die große Frage ist, was Putin macht, wenn Lukaschenka ernstlich gefährdet ist.
          Ermittlungen: Apotheker und Ärzte werfen dem Angeklagten vor, Verfahren gegen sie aufgebläht zu haben (Symbolbild).

          Frankfurter Korruptionsaffäre : Mediziner erheben schwere Vorwürfe

          In der Korruptionsaffäre um einen Frankfurter Oberstaatsanwalt sollen Ermittlungen nur geführt worden sein, um Geld zu generieren. Das könnte sich noch zu einem weitaus größeren Skandal auswachsen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.