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Amerikanische Neonazis : „Wenn es sein muss, bringen wir sie um“

  • -Aktualisiert am

„Diese Leute wollen Gewalt, und wir werden sie ihnen geben“: Amerikanische Neonazis am Samstag in Charlottesville Bild: AP

Eine amerikanische Journalistin hat die Rechtsextremisten begleitet, die am Wochenende durch Charlottesville marschierten. Es sind verstörende Bilder und Worte.

          Das wird schwer zu überbieten sein, aber wir nehmen die Herausforderung gerne an.“ Christopher Cantwell setzt ein schiefes Grinsen auf. Es ist Sonntagabend. Zwei anstrengende Tage in Charlottesville liegen hinter dem stämmigen Neonazi. Erfolgreiche Tage. „Das war es wert. Wir wussten, dass wir auf Widerstand treffen würden“, aber dass „keiner von uns gestorben ist“, sei ein Punktgewinn für die Rechtsextremisten, dass er und seine Leute „niemanden zu Unrecht getötet haben“, ebenfalls. Stolz präsentiert Cantwell im Hotelzimmer der Journalistin seine Waffen: Zwei Sturmgewehre, drei Pistolen, dazu noch ein Messer hatte er am Wochenende bei sich, das meiste davon trug er direkt am Körper.

          Wo verortet man solche Leute? Cantwell wirkt wie ein klassischer Skinhead. Glattgeschorenes Haupt, flackernder Blick, Schweißperlen an der Schläfe, jederzeit zu Gewalt fähig – und doch ist er mehr als das. Der Mann aus New Hampshire im äußersten Nordosten der Vereinigten Staaten verbreitet seine Ansichten über seinen Podcast, verkauft T-Shirts mit der Aufschrift „Radical Agenda“ – und scheut den Kontakt mit der Presse nicht. Eine Journalistin des kanadisch-amerikanischen Onlinemagazins „Vice“ hat ihn und andere Rechtsextremisten begleitet, die am vergangenen Wochenende zwei Tage lang die Kleinstadt Charlottesville im Bundestaat Virginia in Atem hielten. Der zwanzigminütige Film, der dabei herauskam, gewährt tiefe Einblicke in die anwesende Neonazi-Szene. Der Beitrag ist deshalb so interessant, weil er zeigt, wie die neue Generation der amerikanischen Rechtsextremisten vermeintlichen Intellekt mit selbstbewusster Gewaltbereitschaft verbindet: Die Nazis von heute schreiben Blogs und geben Interviews, ohne sich von der Gewalt von gestern verabschiedet zu haben.

          Freitagmittag, 60 Stunden vorher. Cantwell begrüßt ein Dutzend Mitstreiter auf einem Spielplatz am Rande der Innenstadt und erzählt der Journalistin, wie er zu „diesem Rassenzeug“ kam: Sein Erweckungserlebnis waren Fälle von schwarzen Jugendlichen wie Trayvon Martin, die von der Polizei erschossen wurden. Doch während Bürgerrechtler derlei als Zeichen rassistischer Polizeigewalt sehen, deutet Cantwell das Ganze als Beispiel für grassierendes Fehlverhalten von Schwarzen. Bandenschießereien in den Vorstädten, die hohe Jugendkriminalität – das alles wolle er in seiner Gesellschaft nicht haben. Doch, natürlich seien auch Weiße zu Gewalt fähig, prahlt Cantwell auf Nachfrage: „Ich trage eine Waffe, ich gehe ständig ins Fitnessstudio, ich versuche, meine Gewaltfähigkeit sogar zu steigern“. Er hoffe auf jemanden, der Leute wie ihn anhört und ihre Ansichten in Politik umsetzt. Jemanden wie Donald Trump, der aber nicht seine Tochter einem Juden zur Frau gegeben hat. Cantwell kann nicht mitansehen, wie „dieser Bastard Kushner mit diesem wunderschönen Mädchen“ (gemeint ist Ivanka Trump) herumläuft.

          Nur ein Vorgeschmack

          Am nächsten Tag ist die Stimmung bereits vormittags aufgeheizt. Es gibt erste Zusammenstöße, Cantwell hat Pfefferspray von Gegendemonstranten ins Gesicht bekommen. Die Stadt und wenig später auch der Bundesstaat Virginia rufen den Notstand aus. Die Versammlung wird von Polizisten aufgelöst, bevor sich die Gruppe überhaupt in Bewegung setzen kann. Ein Neonazi droht den Beamten telefonisch, notfalls werde er seine Kumpel mit Waffengewalt aus dem Polizeikessel herausführen. Cantwell und seine Mitstreiter müssen umdisponieren – weil die Stadt von „jüdischen Kommunisten und kriminellen Negern“ verwaltet werde, wie ein Begleiter einwirft. Cantwell ist wütend: Die Gewalt sei von den Gegendemonstranten ausgegangen. Und wieder räumt er ein, schiebt nach: „Wir sind nicht gewaltlos – wenn es sein muss, bringen wir diese Leute um.“ Das ist kein leeres Männergeprahle unter Kerlen, kein Kampfgeschrei auf einem Protestmarsch – diese Worte fallen im Gespräch mit einer Journalistin. Es ist eine Ankündigung.

          Im Kleinbus mit dabei ist auch Robert Ray, einer der Autoren der inzwischen abgeschalteten rechtsextremen Website „The Daily Stormer“. Er sieht das Zusammentreffen der verschiedenen rechtsradikalen Gruppierungen als Geburtsstunde von etwas Größerem. „Die Menschen erkennen, dass sie nicht alleine sind.“ Zusammen seien sie dem „anti-weißen Ungeziefer“, dem „anti-amerikanischen Abschaum“ am Vormittag zahlenmäßig weit überlegen gewesen. Und irgendwann, ist Ray sich sicher, „werden wir stark genug sein, um sie für immer von der Straße zu räumen.“ Der bärtige Texaner ist in Hochstimmung. Sie hätten gerade erst begonnen, das volle Ausmaß ihrer Macht zu offenbaren, klärt er die Journalistin auf. „Sie haben noch gar nichts gesehen.“

          Und dann ist da noch David Duke, der ehemalige Leiter einer Sektion des Ku-Klux-Klans und Nestor der amerikanischen Rechtsextremisten. Vor der Abfahrt schimpft er auf dem Parkplatz, ihre Veranstaltung sei trotz richterlicher Erlaubnis abgesagt worden, weil sie eben die Wahrheit sagen, die Wahrheit über die Bolschewisierung und „ethnische Säuberung Amerikas“. Doch auch Duke ist siegesgewiss: „We will be back!“

          Die eigentliche Tragödie des Wochenendes steht zu diesem Zeitpunkt erst noch bevor. Am Sonntagabend, 36 Stunden später, wird Cantwell ausgeruht und frisch geduscht in seinem Hotelzimmer sitzen. Er wird mit einem Lächeln auf das Wochenende zurückblicken. Und er wird den Tod der 32 Jahre alten Heather Heyer rechtfertigen, die am Samstagnachmittag starb, als ein Neonazi seinen Wagen in eine Gruppe von Gegendemonstranten steuerte. „Eine Menge Leute werden noch sterben, bevor wir hier fertig sind.“

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