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Trump bei der Militärparade : Handzahm zwischen Panzern

  • -Aktualisiert am

Donald Trump bei der Militärparade am 4. Juli in Washington Bild: EPA

Donald Trump gibt sich bei seiner Militärparade in Washington als Präsident aller Bürger. Direkt danach schaltet er jedoch in den Wahlkampfmodus – und wie so oft, auf Twitter.

          Am Ende kam der befürchtete Regen dann doch. Die Militärparade, die Donald Trump als phantastisches Ereignis angekündigt hatte, fand trotzdem statt. Der Präsident hielt eine patriotische Ansprache vor einer Menschenmasse unter Regenschirmen und Plastikponchos. „Einigkeit“ war die Losung des Tages für Trump, der diesmal nicht seine Anhänger mit kontroversen Sprüchen bedienen, sondern als Präsident aller Amerikaner wahrgenommen werden wollte.

          „Wir müssen als Nation mit einem gemeinsamen Ziel voran gehen“, sagte er. „So lange wir unserem Kurs treu bleiben, so lange wir uns an unsere großartige Geschichte erinnern, so lange wir niemals aufhören, um eine bessere Zukunft zu kämpfen, so lange wird es nichts geben, was Amerika nicht tun kann.“ Zusammen sei man „Teil der größten Geschichte, die jemals erzählt wurde, der Geschichte von Amerika“ schwärmte der Präsident.

          Trump, der die Veranstaltung „Salute to America“ getauft hatte, sprach vor dem Lincoln Memorial, geschützt von einer schusssicheren Glasbarriere. Seine Rede dauerte etwa 45 Minuten und drehte sich um Geschichte und Identität der Amerikaner. Der Präsident vergaß nicht, berühmte Kämpferinnen gegen Sklaverei und Rassismus wie Harriet Tubman und Frederick Douglass zu erwähnen. Besonders stolz könnten die Amerikaner auch auf den Kampf um die Gleichberechtigung der Frau und auf die Bürgerrechtsbewegung sein, deren Führer Martin Luther King 1963 an der gleichen Stelle seine berühmte Rede gehalten hatte, aus der Trump kurz zitierte.

          Besonderes Augenmerk legte der Präsident, der selbst um den Militärdienst herumgekommen war, auf die Lobpreisung der Armee. Kein Feind habe sich je mit dem amerikanischen Militär angelegt, ohne einen mächtigen „Donnerschlag“ zu spüren zu bekommen. „An die Jugend unseres Landes: Jetzt ist die Chance, sich der Armee anzuschließen und etwas wirklich Großartiges mit eurem Leben zu machen“, sagte Trump. Die Identifikation mit den Soldaten ist tatsächlich etwas, worauf sich Amerikaner aller Klassen und Hautfarben oft einigen können – Trump appellierte am Nationalfeiertag an diese Gemeinsamkeit.

          Von Wahlkampfrhetorik hielt er sich fern und griff auch nicht den politischen Gegner an. Stattdessen sang er das Lied des amerikanischen Exzeptionalismus und pries den Individualismus, mit dem sich viele Bürger rechts wie links identifizieren können: „Die Zukunft gehört den Mutigen, den Starken, den Stolzen, und den Freien“, sagte Trump. „Wir sind ein Volk, das einem Traum und einem großartigen Schicksalsweg folgt. Wir alle teilen die gleichen Helden, das gleiche Zuhause, das gleiche Herz, und wir wurden alle von dem selben allmächtigen Gott geschaffen.“

          Die normativen Vokabeln bedeuten indessen nicht für jeden das gleiche und können je nach Belieben mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen werden: für viele Trump-Anhänger bedeuten sie weißen Nationalismus. Auch, wenn der Präsident die Rede nicht als Wahlkampfrede hielt – manche Anhänger verstanden seinen Auftritt anders. Viele trugen die roten „Make America Great Again“-Kappen der Kampagne und stimmten Sprechchöre an: „Vier Jahre mehr“, riefen sie.

          Der amerikanische Präsident Donald Trump steht im Regen vor dem Lincoln Memorial zur Feier der Unabhängigkeitstages in Washington.

          „Panzer sind keine Requisiten“

          Normalerweise gibt es am 4. Juli keine Rede des Präsidenten und auch keine Militärparade. Aber Trump wollte die Parade, seit er vor zwei Jahren am Nationalfeiertag in Frankreich teilgenommen hatte. Im Vorfeld gab es vor allem Kritik an der befürchteten Vermischung von Politik und Militär und an den Kosten des Spektakels, bei dem auch Panzer durch die Hauptstadt rollten. Berichten zufolge sollte allein die Nationalpark-Behörde 2,5 Millionen Gelder für die Parade abzweigen, die für Instandsetzungen in den Parks bestimmt seien. Trump holte den amtierenden Verteidigungsminister Mark Esper und den Generalstabschef Joseph Dunford auf die Bühne, um zu zeigen, dass das Militär seine Parade unterstütze. Am Ende würdigte er die verschiedenen Zweige des Militärs, während Kampfflugzeuge über dem Publikum hinwegflogen.

          Das Magazin „Politico“ nannte Trump den „Producer in chief“, angelehnt an die Bezeichnung „Commander in chief“, also einen obersten Filmproduzenten seiner eigenen Fernsehinszenierung. Auch die „New York Times“ griff auf die Analogie zurück, das Event sei „produziert von und mit Donald Trump in der Hauptrolle“. Viele Kritiker nannten Trumps patriotisches Pathos zynisch, besonders angesichts der Kinder und Erwachsenen, die zur Zeit unter menschenunwürdigen Umständen an der Südgrenze festgehalten werden.

          Auch die Zurschaustellung militärischer Macht stieß auf Kritik: „Panzer sind keine Requisiten, es sind Kriegswaffen“, sagte der demokratische Senator Jack Reed aus Rhode Island. Andere störten sich an der Selbstinszenierung des Präsidenten: „Ich habe den Eindruck, er versteht nicht, dass es Amerikas Geburtstag ist und nicht seiner“, sagte Kamala Harris, demokratische Bewerberin um die Präsidentschaftskandidatur. „Zwei Versionen von Amerika“ seien heute um die National Mall in Washington gefeiert worden, kommentierte die „New York Times“ angesichts der regulären zivilen Feierlichkeiten und der pompösen Parade.

          Trump selbst verharrte nicht lange in der überparteilichen Pose. Kaum zurück im Weißen Haus, nahm er den Wahlkampf bei Twitter wieder auf, retweetete einen Artikel über Joe Bidens gefallene Umfragewerte. Und einem weiteren ReTweet konnte Trump wohl ebenfalls nicht widerstehen, als ein Account namens „All American Tweetie Pie“ den Tag mit einer Collage feierte: Abraham Lincolns und Donald Trumps Gesichter gehen darauf ineinander über.

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