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AfD und die Hitzewelle : Ein ganz normaler Sommer wie 1975?

Rekordsommer: Badeurlauber in Mecklenburg-Vorpommern Bild: dpa

Von den Hitzerekorden in Deutschland und Europa sind AfD-Politiker völlig unbeeindruckt – sie glauben nicht, dass es einen menschengemachten Klimawandel gibt.

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          Unter AfD-Anhängern kursiert dieser Tage ein Zeitungsausriss aus dem Jahre 1975. Damals, am 8. August, machte die „Bild“-Zeitung mit einer Wetterwarnung auf. „40 Grad Hitze – Jetzt wird das Wetter lebensgefährlich“ lautete die Schlagzeile. Für den baden-württembergischen AfD-Vorsitzenden Dirk Spaniel ist die Überschrift ein Beleg, dass die Aufregung über die gegenwärtigen Hitzerekorde übertrieben ist. „Der Klimawandel begann bereits 1975 und nur die Bild hat es gemerkt“, twitterte Spaniel am Freitag. Die „Klimahysterie“ werde nur deshalb befeuert, um das „Konsumverhalten der Bürger zu steuern“ und um mit einer Kohlendioxidsteuer eine „nimmermüde sprudelnde Geldquelle“ zu erschließen.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Tatsächlich steht die damalige Überschrift der „Bild“-Zeitung in keinem Gegensatz zu den Hitzerekorden späterer Jahre. Sie entstand aus einer falschen Prognose. In dem Artikel wurde der Diplom-Meteorologe Rainer Ripke vom Wetteramt Essen zitiert, der meinte, es „könnte“ am folgenden Wochenende über 40 Grad heiß werden in Deutschland – wodurch ein 1911 in Jena aufgestellter Rekord von 39,9 Grad gebrochen worden wäre. Das einzige Problem: Ripke war kein Hellseher. Er irrte. Es wurde nicht 40 Grad heiß.

          Laut den damals in dieser Zeitung abgedruckten Wetterberichten von dem auf den 8. August folgenden Wochenende blieben die Temperaturen weit unter der prophezeiten Rekordmarke, vormittags waren es flächendeckend unter 30 Grad. Laut Wetterarchiven stiegen sie im Laufe des Tages in Norddeutschland vereinzelt bis auf 35 Grad, mehr nicht. Auch im Sommer 1976, in einer der längsten Hitzewellen des Jahrhunderts, blieben die Temperaturen unter 40 Grad. Am Donnerstag hingegen stieg der Thermometer im niedersächsischen Lingen bis auf 42,6 Grad – der höchste seit 1881 in Deutschland gemessene Wert. Eine falsche Prophezeiung einer Boulevardzeitung von 1975 als Beleg für eine „Klimahysterie“ im Jahr 2019?

          Abgekühlt: Alice Weidel mit einem Eisbecher in Görlitz

          Klimaforscher dürften sich über AfD-Aussagen die Haare raufen

          Tatsächlich hat es schon oft heiße Sommer gegeben, Klimaforscher weisen stets darauf hin, dass einzelne Wettereignisse keine Beweiskraft haben und allein ihre Häufung und Mittelwerte eine Aussagekraft besitzen – und dass es in den vergangenen 2000 Jahren auf der Welt noch nie so flächendeckend so heiß war wie derzeit. Auch eine Häufung der Hitzewellen ist auffällig. Nach dem sogenannten Jahrhundertsommer 2003 waren auch die Sommer 2006, 2015, 2018 und 2019 sehr warm.

          Die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel glaubt trotzdem nicht daran, dass die Klimasorgen anderer Politiker ehrlich sind. „Die Klimahysterie dient letztlich nur einem Ziel: Den Deutschen noch tiefer in die Tasche greifen zu können. Wolfgang Schäuble plädiert folgerichtig dafür, die CO2-Steuer sofort einzuführen. Politik GEGEN die Bürger“, schrieb Weidel auf Twitter. In Pressemitteilungen verbreitet die AfD den gleichen Tenor.

          Kürzlich trafen sich die umweltpolitischen Sprecher der AfD-Fraktionen in Bundestag und Landtagen zu einer Klimakonferenz der alternativen Art. „Das Klima wandelt sich seit es eine Atmosphäre auf der Erde gibt“, lautete eine der Feststellungen im Abschlusspapier. Und: „Ein besonders schneller oder starker Anstieg der globalen Mitteltemperatur ist derzeit nicht zu beobachten“ – eine Aussage die  von der Bedeutung der nicht näher definierten Worte „derzeit“, „schnell“ und „stark“ abhängt.  Die globale Mitteltemperatur steigt seit Jahrzehnten. An einer Stelle des Papiers rutscht den AfD-Politikern ein Eingeständnis heraus: Sie sprechen von dem „stattfindenden Klimawandel“, leugnen ihn also doch nicht. Gleichwohl glauben sie nicht, dass es Forschern gelungen ist, einen Einfluss von Kohlendioxid auf die Temperatur, den Meeresspiegel oder Stürme nachzuweisen. Klimaforscher dürften sich über solche Aussagen die Haare raufen.

          In ihrem Positionspapier fordern die AfD-Politiker einen Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen von 2015,  ein Ende des Braunkohleausstiegs und einen Rückbau aller Windkraftanlagen. Besorgt zeigen sie sich über die Verschmutzung der Weltmeere und die Verbreitung von Mikroplastik. Ganz tatenlos will die AfD nicht bleiben. Sie tritt – trotz allem – für „Vorsorgemaßnahmen gegen die Auswirkungen des natürlichen Klimawandels ein“. Ungeachtet der Frage, ob der Klimawandel von Menschen verursacht ist oder von der Natur, scheint die AfD also bereit, die Menschheit vor den Verwerfungen der Veränderungen  schützen zu wollen. Bloß wie? Eine Reduzierung des Ausstoßes von Kohlendioxid soll jedenfalls nicht dazu gehören.

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