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Treffen von Trump und Kim : Kampf um die Deutungshoheit

Kim kommt in Hanoi an. Doch freuen sich die Menschen auf ihn oder darauf, dass die Straßensperrung aufgehoben wird. Bild: AP

In Nordkorea wird Kim Jong-un als gern gesehener Staatsmann präsentiert und Donald Trump wirbt für die Abrüstung. Südkorea wiederum verfolgt ebenfalls eigene Interessen.

          Wenige Stunden vor dem Beginn des zweiten Gipfels zwischen Donald Trump und Kim Jong-un hat das Ringen um die Deutungshoheit begonnen. Der amerikanische Präsident liefert sich über Twitter einen Schlagabtausch mit seinen Kritikern in Washington, die schon jetzt davor warnen, dass er Nordkorea zu viele Zugeständnisse machen könnte, um das Treffen als Erfolg zu verkaufen. „Die Demokraten sollten aufhören, darüber zu reden, was ich mit Nordkorea tun sollte und sich stattdessen fragen, warum sie ‚es‘ während der acht Jahre der Obama-Regierung nicht getan haben“, schreibt Trump kurz bevor er zu einem Treffen mit dem vietnamesischen Präsidenten aufbricht.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Das Gastgeberland lobt er auf Twitter als Vorbild für Nordkorea und versprach Kim Jong-un, sein Land werde genauso prosperieren, wenn er sich zur atomaren Abrüstung entscheide. Das Regime in Pjöngjang dürfte das allerdings nicht beeindrucken. Denn anders als in Singapur, dem Ort des ersten Gipfels mit Trump, betrachtet Nordkorea sich diesmal im Vergleich mit dem Gastgeberland als die fortgeschrittene Nation.

          Die Staatspropaganda hält deshalb auch ein anderes Drehbuch für den Machthaber parat. In Singapur hatte er im Juni 2018 am Abend vor dem Gipfel eine Sightseeing-Tour durch die Stadt unternommen. Die imposante Hochhauskulisse wurde dem nordkoreanischen Publikum später als Verheißung für die Zukunft verkauft. Diesmal hingegen bekommen die Zuschauer im Staatsfernsehen Bilder von Passanten am Straßenrand zu sehen, die Kims Konvoi zuzujubeln scheinen. Dass die meisten Leute, die dort auf den Bürgersteigen stehen, nur darauf warten, dass die Straßensperrung aufgehoben wird, ist nicht zu sehen. Für den jungen Machthaber ist der Gipfel eine weitere Gelegenheit, sich zuhause als international umworbener Staatsmann zu verkaufen.

          Auch jenseits von Nordkorea haben die Gipfelbilder eine Wirkung entfaltet, die der Logik solcher Veranstaltungen geschuldet ist. Vor dem Melia-Hotel, in dem der Machthaber residiert, warten die Fotografen, um jedes Winken des Machthabers einzufangen. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass Nordkorea kein Land wie jedes andere ist. Ein Bericht des nordkoreanischen Staatsfernsehens vom Mittwoch macht das deutlich: „Wir können nicht einmal eine Sekunde ohne unseren geliebten Marschall überleben“, sagt da ein Passantin in einem Bus in Pjöngjang, die zum Gipfel befragt wird. „Wir vermissen ihn so sehr, seit wir die Nachricht gehört haben, dass er in das ferne Land gereist ist.“  Weil der „respektierte Marschall“ im Ausland sei, arbeite sie nun doppelt so hart, um ihn glücklich zu machen.

          Die südkoreanische Regierung bemüht sich derweil in Hanoi, der erwarteten Kritik an den Gipfelergebnissen schon im Vorhinein die Spitze zu nehmen. Das Land erhofft sich von dem Treffen Trumps und Kims Rückenwind für den eigenen Annäherungsprozess mit dem Norden. Die südkoreanischen Medien sind in so großer Zahl vertreten, dass das Land ein eigenes Pressezentrum betreibt. Seoul füllt  das große Warten vor dem Treffen am Abend mit Diskussionsrunden mit südkoreanischen Wissenschaftlern. Dort wird die Meinung vertreten, dass das eigentliche Problem nicht in Pjöngjang, sondern in Washington liege. Das Misstrauen gegenüber Nordkorea, die kritische Haltung der Geheimdienste, vieler Wissenschaftler und der Demokraten erschwere es Trump, auf Pjöngjang zuzugehen, heißt es unisono auf dem Panel. In Nordkorea betrachte man die Forderung „erst Denuklearisierung, dann Sanktionserleichterungen“ als „erst die Denuklearisierung, dann der Verrat“, sagt ein Panelteilnehmer.

          Die Skeptiker in Washington bemühen sich derweil der Erzählung vom Friedensgipfel ihre eigene Lesart entgegenzusetzen. Das International Institute for Strategic Studies warnte in einer Pressemitteilung vor dem Risiko, dass eine Erklärung des Kriegsendes, wie sie vom Gipfel erwartet wird, zu einem verfrühten Abzug der amerikanischen Truppen aus Südkorea führen könne. Dieses Risiko ergebe aus dem unbedingten Willen Trumps, einen Erfolg vorzuzeigen und seiner Aversion gegen Auslandseinsätze amerikanischer Truppen.

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