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F.A.Z. Woche : Zwischen Mann und Frau

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Nicht alle Menschen können sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen nach der Geburt zugewiesen wurde. Bild: Thomas Fuchs

Amerikas Präsident Trump stutzt die Rechte von Transgendern. Allein in Deutschland leben mehr als 250.000 Menschen, die mit ihrem körperlichen Geschlecht nichts anfangen können. Oft schlägt ihnen Hass entgegen.

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          „Endlich passen alle Puzzleteile zusammen“, berichtet die Familie des sechsjährigen Leo, der einst Lea hieß. „Plötzlich fällt es uns wie Schuppen von den Augen, und wir verstehen endlich, was uns so lange eher als subtiles Gefühl begleitet hat.“

          Es ist einer von Hunderten Erfahrungsberichten, Blogeinträgen und ganzen Homepages, die sich im Internet zu einer gedanklichen Einheit zusammenflechten. Eltern berichten von ihren Kindern, die sich mit ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht identifizieren können, die fragen, ob es ausreiche, wenn sie ihren Penis abschneiden, um ein Mädchen zu sein. Sie beschreiben ganz banale Veränderungen, die sie witzig fanden, aber nicht ernst genommen haben. Wie von ihrem kleinen Sohn, der lieber Glitzerkleider anzieht und Blumen im Haar hat, anstatt mit Autos zu spielen. Oder von ihrer Tochter, die im Spiel lieber die Rolle des Ritters übernimmt, statt sich mit „doofem Mädchenkram“ zu beschäftigen.

          Es tun sich Fragen auf: Ab welchem Zeitpunkt sollten Eltern handeln und dem Kind zuhören, statt es nur zu belächeln? Wann sollten sie akzeptieren, dass das Kind in der Rolle des anderen Geschlechts aufblüht, in der eigenen dagegen fast zerbricht? In vielen dieser Geschichten erwachen die Eltern allmählich und suchen sich professionelle Hilfe. Sie merken bald, dass sich etwas ändern muss, und erlauben ihrem Kind den vollständigen Rollenwechsel. „Wir unterstützen Leo und würden mit ihm gegen die Welt kämpfen, wenn es sein muss“, heißt es in Leos Fall.

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche

          Forscher vermuten, dass die eigene Geschlechtsidentität sich bereits vor der Geburt oder im frühesten Kindesalter ausbildet. Sie muss nicht mit dem körperlichen Erscheinungsbild übereinstimmen.
          Forscher vermuten, dass die eigene Geschlechtsidentität sich bereits vor der Geburt oder im frühesten Kindesalter ausbildet. Sie muss nicht mit dem körperlichen Erscheinungsbild übereinstimmen. : Bild: Thomas Fuchs

          Einige Male, und das sind wohl die tragischen Geschichten, da weigern sich Eltern, die Veränderungen wahrzunehmen. Das Kind fügt sich, lebt ein Leben in der Rolle des zugewiesenen Geschlechts und outet sich erst als Erwachsener.

          Die Identität ist im Gehirn verankert

          Wenn vom Geschlecht die Rede ist, geht es üblicherweise um das körperliche, also jenes, das aus Chromosomen und Hormonen die Geschlechtsorgane formt. Mit einem Blick werden Kinder bei der Geburt dem weiblichen oder dem männlichen Geschlecht zugeordnet. Das Geschlecht ist allerdings weitaus umfassender, es geht um mehr als nur Anatomie. Das Geschlecht ist als Geschlechtsidentität im Hirn verankert. Forscher vermuten, dass diese schon vor der Geburt oder in einem sehr frühen Alter ausgebildet wird und vom körperlichen Erscheinungsbild eines Menschen abweichen kann. Wenn ein Junge oder ein Mädchen geboren wird und sich später mit dem zugewiesenen Geschlecht „männlich“ oder „weiblich“ identifizieren kann, werden sie als Cisgender charakterisiert. In dieser Welt erblüht und erstrahlt ein Identitätserleben, das mit den körperlichen Geschlechtsmerkmalen harmoniert.

          Nicht alle Menschen können sich mit diesem zugewiesenen Geschlecht identifizieren. So trifft das körperliche Erscheinungsbild auf die Geschlechtsidentität, und eine Welt jenseits der schwarz-weißen Geschlechtergrenze kommt zum Vorschein. Sie ist bunt und ziemlich chaotisch, und sie beherbergt all jene, die nicht dem Zwei-Geschlechter-System entsprechen und ihm entsprechend empfinden.

          Zu ihnen zählen Transgenderpersonen. Der englische Begriff „gender“ bezeichnet das soziale Geschlecht. Verortet sind hier gesellschaftliche Normen und Verhaltensformen. Transgenderpersonen können sich zwar mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, nicht identifizieren. Sie streben aber nicht unbedingt körperliche Veränderungen an. Ihnen geht es primär darum, auf gesellschaftlicher Ebene akzeptiert zu werden.

          Anders sieht es bei transsexuellen Menschen aus. „Sex“ bezieht sich hier auf die geschlechtsbezogenen Merkmale des Körpers; deswegen wird auch häufig von Transidentität gesprochen. Transsexuelle wollen in das „Gegengeschlecht“ wechseln, ihren Körper verändern, um ein Leben entsprechend ihrer Geschlechtsidentität leben zu können. Da die Wege, die beschritten werden, sehr individuell sind, werden transgender und transsexuelle Personen häufig unter dem Sammelbegriff trans* zusammengefasst, um die vielfältigen Identitäten zum Ausdruck zu bringen.

          Mindestens 172.000 Trans-Menschen leben derzeit in Deutschland. Diese Zahl nennt Petra Weitzel von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität. Ein Drittel hat mit Hilfe einer Operation vollständig die Geschlechterrolle gewechselt, ein weiteres Drittel eine Hormontherapie in Anspruch genommen, während der Rest nur eine gesellschaftliche und rechtliche Anerkennung anstrebt. Darüber hinaus existiert eine sogenannte nichtbinäre Geschlechtsidentität. Einige fühlen sich weder als Mann noch als Frau. Einige empfinden beides und führen ein Leben gelegentlich als Mann und hin und wieder als Frau. Und einige lehnen das Zwei-Geschlechter-System vollends ab und wollen nicht als eindeutig weiblich oder männlich zugeordnet werden. All diese Fälle einbezogen, leben so insgesamt 258.000 Trans-Menschen in Deutschland, die sich vor allem eines wünschen: ein ganz normales, selbstbestimmtes Leben zu führen.

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          Diesen Wunsch bekommen sie längst nicht immer erfüllt. In der Krankheitsklassifikation ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation wird Transsexualität derzeit unter den Persönlichkeits- und Verhaltungsstörungen eingruppiert. Eine psychische Krankheit also, die gar keine ist: Voraussichtlich 2018 soll sich das in der Neufassung ICD-11 widerspiegeln. Dort soll Transsexualität in der Kategorie „Bedingungen, bezogen auf die sexuelle Gesundheit“ unter „Geschlechtsinkongruenz“ verschlüsselt werden.

          Wie grundlegend diese Änderung ist, haben mexikanische Forscher mit einer Befragungsstudie veranschaulicht. Die Vermutung, dass Trans-Personen psychische Probleme aufweisen, weil sie sich mit ihrem biologischen Geschlecht nicht identifizieren können, ist demnach schlichtweg falsch. Vielmehr erfahren sie seelisches Leid, weil sie mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt erlebten oder sozial ausgegrenzt wurden. Das machte eine Befragung von 250 Trans-Personen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren deutlich. 208 Teilnehmer entwickelten demnach depressive Symptome, mehr als ein Drittel berichteten über soziale Ausgrenzung und Unterdrückung, am häufigsten von ihren eigenen Familien, gefolgt von Arbeitskollegen und Mitschülern. In 157 Fällen war Gewalt im Spiel, in fast der Hälfte wurden Familienmitglieder handgreiflich, wie es in der Fachzeitschrift „Lancet Psychiatry“ heißt.

          Viele plagen sich mit Selbstmordgedanken

          In einer anderen Befragung, an der 197 Trans-Personen in Spanien teilnahmen, gaben knapp 80 Prozent an, mindestens einmal im Leben physisch attackiert worden zu sein. Laut der Studie, die die Zeitschrift „The Archives of Sexual Behavior“ veröffentlichte, plagten sich mehr als die Hälfte der Befragten mit Selbstmordgedanken. Rund 45 Trans-Personen versuchten mindestens einmal, diese Gedanken in die Tat umzusetzen.

          Auch wenn die Anzahl der Befragten niedrig ist: Die Studien werfen ein Schlaglicht auf das Unverständnis und sogar auf den Hass, dem Trans-Menschen ausgesetzt sind. Der Interessenorganisation Transgender Europe zufolge sind zwischen 2008 und 2015 auf der ganzen Welt mehr als 2000 Trans-Personen gewaltsam ums Leben gekommen. Mehr als drei Viertel dieser Morde ereigneten sich in Nord- und Südamerika, in Asien waren es knapp 180. In 16 europäischen Ländern wurden 112 Fälle gemeldet, allen voran die Türkei mit 41 Morden in acht Jahren.

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          Erst vor kurzem wurde die Leiche der transsexuellen Aktivistin Hande Kader, die als Prostituierte arbeitete, in einem Istanbuler Stadtteil gefunden. Während in Deutschland darüber viel berichtet wurde, haben nur wenige türkische Medien diesen Vorfall bekanntgemacht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, inter* und queere (kurz: LGBTIQ) Menschen in der Türkei ausgeschlossen, diskriminiert und vor allem stigmatisiert werden. Da ihnen nur wenige andere Berufe offenstehen, arbeiten viele als Prostituierte. Mancher Freier entpuppt sich dann als kaltblütiger und hasserfüllter Täter – und entgeht einer harten Verurteilung: Mörder von Prostituierten, Homo- oder Transsexuellen werden im Land häufig nur milde bestraft.

          Derartiges scheint in Deutschland unmöglich. Hierzulande hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan – auch wenn es Kritikern nicht ausreicht. So erzählen Betroffene und Angehörige von Schullehrern und Direktoren, die darauf bestehen, dass Paula immer noch Paul genannt wird, nicht auf die Mädchentoilette gehen darf und sich zwischen Jungs umkleiden muss. Oder von Freunden der Familien, die raten, härter durchzugreifen und die Gefühle der Kinder zu unterbinden.

          Ausgerechnet: Kinder sind besonders verletzlich. Sie wissen genau, wenn das, was sie empfinden, nicht übereinstimmt mit dem, was sie – im biologischen Sinne – sind. Leo ist zwar erst sechs Jahre alt, aber er weiß seine Gedanken seiner Mutter darzulegen: „Es ist wie bei einem falschen Puzzle. Das Junge-sein-Gefühl ist ein Viereck, und das Mädchen-Sein ist ein Dreieck. Das Viereck passt nicht aufs Dreieck. Es passt einfach nicht.“

          Seine Geschichte und viele andere findet man auf der Internetseite von Trans-Kinder-Netz, einem Verein, der sich für Trans-Kinder und -Jugendliche einsetzt. Kati Wiedner, Christian Gredig und Karoline Haufe von Trans-Kinder-Netz betonen, dass Trans* kein Erwachsenenphänomen sei: „Kinder sind in der Lage, eine subjektive Einschätzung von sich selbst, ihrem geschlechtlichen Sein zu geben.“ Bei Trans-Kindern stehe diese Selbstbeschreibung des Seins im Gegensatz zu dem sogenannten Zuweisungsgeschlecht bei der Geburt aufgrund der Genitalien. Diese geschlechtliche Zuschreibung durch andere könne zu einem Leiden beitragen, das sich aus dem Unverständnis der Umwelt ergebe.

          Bereits Drei- oder Vierjährige merken demnach unter Umständen, dass das Zuweisungsgeschlecht nicht mit der eigenen Wahrnehmung der Geschlechtszugehörigkeit übereinstimmt. Leid bereitet ihnen dann nicht nur die fremde Zuweisung des Geschlechts, sondern auch die fehlende Akzeptanz nach einem „Coming out“: Gleichaltrige, Freunde und Familienmitglieder mobben; Pädagogen, Mediziner, Psychologen und Arbeitgeber diskriminieren.

          „Nach wie vor sind viele Betroffene mit gesellschaftlichem und familiären Unverständnis konfrontiert“, weiß Rupert Lanzenberger von der Medizinischen Universität Wien. Viele Angehörige werfen ihnen demnach vor, sich die Transidentität lediglich einzubilden. Sie hätten Hirngespinste und sollten doch bitte wieder zur Vernunft kommen, heißt es. Oft könne die These einer vorgeburtlichen Geschlechtsdifferenzierung im Hirn, die der Geschlechtsidentität zugrunde liegt, entlastende Wirkung zeigen: „Etwa wenn sich Eltern den Vorwurf einer falschen Erziehung als Ursache für die Transidentität ihres Kindes machen. Oder wenn sie Bedenken haben, ihr Kind könnte sich beim Spielen mit transsexuellen Kindern das gesehene Verhalten aneignen“, sagt Lanzenberger.

          In einer Studie, die in der Fachzeitschrift „The Journal of Neuroscience“ erschienen ist, konnten der Wissenschaftler und seine Kollegen mittels Magnetresonanztomographie zeigen, dass es bereits vor Beginn einer geschlechtsangleichenden Hormontherapie Unterschiede in der Verschaltung von Hirnabschnitten zwischen Trans-Personen und Cisgender-Personen gibt. Trans-Personen nahmen eine Mittelstellung zwischen den beiden Geschlechtern ein. Das deutet für die Forscher darauf hin, dass sich die Geschlechtsidentität in der Struktur von Hirnnetzwerken widerspiegelt, die sich im Laufe der Entwicklung des Nervensystems unter dem Einfluss von Geschlechtshormonen ausbildet.

          Der Neurowissenschaftler Dick Swaab sieht das ähnlich: Da sich die Geschlechtsorgane in den ersten zwei Monaten einer Schwangerschaft ausbilden, aber die im Hirn verankerte Geschlechtsidentität sich erst in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft entwickelt, können sich diese zwei Prozesse unabhängig voneinander entwickeln. Demnach sei die Geschlechtsidentität keinesfalls durch eine soziale Umgebung nach der Geburt beeinflussbar. Vielmehr sei sie im fötalen Hirn festgelegt, heißt es im Fachmagazin „Frontiers in Neuroendocrinology“.

          „Die Betroffenen möchten ein Leben in einer Rolle führen, in der sie sich wohl fühlen, die zu ihnen passt, und so, wie sie ,sind'. Und das, was sie sind, hängt nun einmal nicht von der äußeren Erscheinung oder der Erziehung ab, sondern ist in der Hirnentwicklung angelegt“, fasst Lanzenberger zusammen. Das klingt einfühlsam. Auch wenn manche Betroffene zweifeln, was solche Untersuchungen bringen. Sie fragen sich, warum ein Leben entsprechend der Geschlechtsidentität eigentlich mit komplizierten Wegen und Hürden einhergeht - und ob man sich dafür wirklich wissenschaftlich rechtfertigen muss.

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