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Johannes Leithäuser (Lt.)

Thronjubiläum von Elisabeth II. : Ein Diamant

Bild: dpa

An diesem Wochenende feiert Großbritannien das diamantene Thronjubiläum von Königin Elisabeth II. Über all die Jahre ist sie die Gleiche geblieben – während die Welt und der politische Betrieb dramatische Wandlungen erfuhren. Sie verkörpert eine immerwährende Institution, die den Briten Sicherheit gibt.

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          An diesem Wochenende feiert Großbritannien nicht nur eine unermüdliche Monarchin, sondern sich selbst. Es ist ein seltsam nostalgisches Spektakel: Mit einem Festumzug auf der Themse, dessen Muster die zweihundertfünfzig Jahre alten Bilder Canalettos abgeben, mit Straßenparties, deren Farben, Torten und Pappgeschirr an die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts erinnern. Wieder einmal umgeben sich die Briten mit dem weichen Mantel ihrer Geschichte, der ihnen so viel festliches Wohlgefühl spendet. Doch es ist nicht so, dass das Land inmitten der hartnäckigen, bitteren Finanz- und Wirtschaftskrise sich allein an der Rückschau in die Vergangenheit labte; es ist eher so, dass die Erinnerung eine Art stabilen Trost liefert: Es gab schon andere, größere und schlimmere Zeiten.

          Die historische Größe der Regentschaft Elisabeth II. ist schon durch ihre schiere Dauer gewachsen: Je näher das Diamantene Jubiläum rückte, desto häufiger war vom „Zweiten Elisabethanischen Zeitalter“ die Rede – ein Bezug auf die Renaissance-Regentin Elisabeth I., unter der England seinen ersten großen Aufschwung nahm. Die zweite überragende Monarchin, an der die Königin gemessen wird, präsidierte über den Aufstieg Britanniens zur Weltmacht: Königin Viktoria war das Symbol des britischen Empires.

          Es wäre (zu) einfach, den Vergleich zur heute regierenden Queen mit dem Niedergang der britischen Weltgeltung zu verknüpfen in dem Sinne, dass Elisabeth II. quasi der Auflösung des Empires vorgestanden habe. Denn die britische Gesellschaft ist schon lange nicht mehr vom Phantomschmerz verlorener Kolonien gemartert, sondern damit beschäftigt, das Erbe des Empires zu nutzen – gestützt auf das größte Vermächtnis der Kolonialzeit, die weltweite Verbreitung der eigenen Sprache. Elisabeth II. verkörpert diese Kultivierung der post-imperialen Zeit: Sie herrscht als Staatsoberhaupt in 16 Reichen, zu denen auch Länder wie Jamaika und Papua Neuguinea gehören, sie steht der Versammlung der 54 Commonwealth-Staaten vor, sie hält persönliche Kontakte zu den Staats- und Regierungschefs dieser Länder und pflegt, so gut sie es kann, emotionale Bindungen mit deren Einwohnern.

          Über all die Jahre die Gleiche geblieben

          Elisabeth II. ist die erfahrungsreichste Staatschefin der Welt. Zwölf Premierminister haben in sechs Jahrzehnten jede Woche einen Abend auf der Sofakante im Gelben Salon des Buckingham Palastes zugebracht, um mit der Königin über die Staatsgeschäfte zu reden, sich gelegentlich (wie sie selbst einst formulierte) „zu erleichtern“ und, im Lauf der Jahre immer mehr, von ihrer Erfahrung zu profitieren.

          Der einstige Premierminister Major rühmte seine Monarchin jetzt mit dem Satz, es gebe niemanden, dessen Rat er höher schätze. Und ein anderer ihrer Premierminister berichtete einst, als er sich bei der Königin beklagte, er könne mit einem bestimmten ausländischen Staatschef gar nicht warm werden, da habe Elisabeth ihm den Tipp gegeben, er solle die Sprache mal auf Kricket lenken, das sei das Lieblingsthema des auswärtigen Gastes.

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          Die Einzigartigkeit Elisabeths verstärkt sich auch dadurch, dass sie in hohem Maße über all die Jahre hinweg die Gleiche geblieben ist – während um sie herum die Welt, aber auch der politische Betrieb, die Medien, die Methoden der Aufmerksamkeits-Erheischung dramatische Wandlungen erfuhren. Eine einfache Beobachtung beschreibt diesen Kontrast: Die unzähligen öffentlichen Termine begreift sie als ihre berufliche Pflicht; meist blickt sie mit aufmerksamem Ernst in die Runde, mitunter auch mit ungehaltener Miene. Das zustimmungsheischende Werbelächeln, die aufgesetzte Gute-Laune-Aura vieler Spitzenpolitiker fehlen ihr. Die Königin hat es nicht nötig, für sich und ihre Wiederwahl Persönlichkeitsreklame zu machen; sie kann sich als Teil einer immerwährenden Institution empfinden.

          Bewusste Demonstration der Nachfolgekraft

          Gerade hat eine Meinungsumfrage dem britischen Königshaus die höchsten Zustimmungs- und Sympathiewerte bescheinigt, die in den vergangenen zwanzig Jahren (seit der Krise, die durch die Scheidung des Thronfolgers und den Unfalltod seiner geschiedenen Gattin Diana verursacht wurde) gemessen wurden. Gerade in den gegenwärtigen Zeiten, nach dem Zusammenbruch mächtiger Banken, angesichts der Krisen an vielen Enden der Welt, aber auch angesichts der Separationsbestrebungen innerhalb des Vereinigten Königreiches bietet die stabile Institution der Monarchie ein Element der Sicherheit.

          Auch diesem Anker gilt der Jubel, der am Wochenende der zierlichen, weißondulierten Person entgegenbranden wird. Und die Monarchie revanchiert sich am kommenden Dienstag, wenn die Feierfolge des Diamantenen Jubiläums in einem Dank-Gottesdienst in der St. Pauls Kathedrale enden wird: Nach der 86 Jahre alten Königin, die an der Seite ihres 91 Jahre alten Prinzgemahls den Mittelgang des Kirchenschiffs hinabschreiten wird, folgen ihr der Thronfolger Charles mit seiner Gattin Camilla, und dessen Nachfolger William mit seiner Prinzessin Catherine. Es ist eine bewusste Demonstration der Nachfolgekraft der Königsfamilie – und zugleich die vage Verheißung, das nächste große Fest, welches die Windsors mit ihren Untertanen und ihren Anhängern in aller Welt feiern werden, könnte vielleicht eine Kindstaufe sein.

          Johannes Leithäuser
          Politischer Korrespondent in Berlin.

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