https://www.faz.net/-gpf-6kpfp
 

Thilo Sarrazin : Die Verbannung

  • -Aktualisiert am

Der Fall Sarrazin beschäftigt nun auch das höchste Amt im Staate Bild: dpa

Einst galt „Dirty Thilo“ als Harald Schmidt der SPD. Einen solchen Gesellschaftskritiker zur Bundesbank zu schicken, musste in einem Debakel enden. Die Empörung, die über Sarrazin hereinbricht, ist dennoch eine große Heuchelei: Denn die Zustände, die er beschreibt, fordern politisches Handeln.

          3 Min.

          Im „Fall Sarrazin“ ist eines gewiss: Der ehemalige Berliner Finanzsenator (SPD) war von vornherein eine Fehlbesetzung im Vorstand der Bundesbank. Das mussten auch diejenigen wissen, die ihn – via Bundesrat – nach Frankfurt entsandt haben, an ihrer Spitze Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit, der jetzt besonders laut seinen Ausschluss aus der Partei fordert.

          Sarrazin hatte die von den Sozialdemokraten jahrelang verdrängte Notwendigkeit, den Berliner Haushalt zu sanieren, nicht mit schlechtem Gewissen und gemurmelten Entschuldigungen angepackt, sondern als Mission verstanden.

          Dabei hatte er auf Probleme hingewiesen, über die man in der SPD nicht gerne spricht: etwa strukturelle Fehlentwicklungen des deutschen Sozialstaats wie Hartz-IV-Milieus, die sich über Generationen reproduzieren – beileibe nicht nur unter Einwanderern oder Menschen „mit Migrationshintergrund“, aber bei denen aufgrund mangelnder Integration besonders stark.

          Migrationsdebatte : Bundesbank beantragt Sarrazins Abberufung

          Sarrazin hatte den zweiten Teil der Formel vom „Fördern und fordern“ ernstgenommen. Die war zwar im Kontext der „Agenda 2010“ des sozialdemokratischen Kanzlers Schröder geprägt, von seiner Partei aber im Grunde nie akzeptiert worden; die Rückabwicklung entsprechender Maßnahmen in der Parteiprogrammatik ist der Beweis dafür.

          Das Debakel war absehbar

          Sarrazin war der Harald Schmidt der SPD – Dirty Thilo. Einen solchen Gesellschaftskritiker und -reformer in die Frankfurter Nadelstreifen-Atmosphäre zu schicken, in der sogenannte Analysten jedes Mundwinkelzucken der Banker als Signal für die Märkte deuten, musste zu einem Debakel führen.

          Man kann auch Sarrazin von Schuld nicht freisprechen. Wer sich – und das ist aller Ehren wert – auch nach dem Ausscheiden aus dem aktiven politischen Leben mit den Zukunftsproblemen des Sozialstaats und der deutschen Gesellschaft beschäftigen will, sollte nicht zur Bundesbank gehen, deren Mitarbeiter – zumal im Vorstand – zu politischer Zurückhaltung verpflichtet sind, und dies aus guten Gründen.

          Hatte es Sarrazin nötig, sich mit 64 Jahren, nach einer langen, verdienstvollen Karriere im öffentlichen Dienst, noch einmal in dieses gut dotierte Amt entsenden zu lassen? Strebte er gar danach, um für sein Thema und seine Thesen eine Tribüne zu bekommen? Dann hat er sich schlicht in der Adresse geirrt.

          Die Empörung, die über Sarrazin jetzt hereinbricht, ist dennoch eine große Heuchelei. Sie nimmt zum Anlass, dass er in seinem Buch angeblich biologistisch, eugenisch, gar rassistisch argumentiert.

          Unhaltbare Schlussfolgerungen, reflexartige Skandalisiserung

          Wahr ist, dass Sarrazin sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse beruft, die er nur halb, teilweise auch gar nicht verstanden hat und aus denen er unhaltbare Schlussfolgerungen zieht. Das ist bei Menschen, die in Zahlen und Statistiken verliebt sind, nicht eben selten; und es ist zwar falsch, aber nicht ungewöhnlich, dass Autoren den im steten Wandel begriffenen Stand der Wissenschaft – ob Hirnforschung oder Genetik – als letzte Wahrheit fehlinterpretieren.

          Die in einem Interview gefallene Äußerung von einem „jüdischen Gen“, die reflexartig skandalisisert wurde (in Wahrheit geht es um die Behauptung, dass „Juden mehr genetisches Material miteinander, als mit ihrer nichtjüdischen Umgebung“, wie der Forscher Gil Atzmon sagt), ist in der Tat ein Politikum – aber nicht in Deutschland, sondern im Nahen Osten.

          Die Zustimmung, die Sarrazin aus dem Publikum entgegenschlägt, im Gegensatz zu dem fast einstimmigen offiziellen Scherbengericht, gilt nicht seinen schrägen oder falschen Thesen. Sie gilt einer Zustandsbeschreibung von Sozialstaatsmissbrauch und Integrationsverweigerung, für die fast jeder Beispiele kennt.

          Warum wurde so wenig gegen die Missstände getan?

          Das Argument, dies sei alles bekannt und müsse nicht noch einmal auf provozierende Art wiederholt werden, ist lächerlich. Sind jene, die Ähnliches gesagt haben, wie der Neu-Köllner Bezirksbürgermeister Buschkowsky oder die Jugendrichterin Heisig, von der Berliner SPD gehört und gewürdigt worden? Wenn Sarrazins Beschreibungen altbekannt sind, warum wurde dann so wenig gegen die Missstände getan?

          Wenn ausgerechnet jene, die in Sachen Umwelt das Hohelied des Bewahrens singen und gegen die „Gentrifizierung“ Berliner Stadtteile wettern, achselzuckend darüber hinweggehen, dass die Lebenswelt alteingesessener Kiezbewohner sich drastisch verändert oder untergeht, lässt sich das nur mit dem Wort „Politikversagen“ beschreiben.

          Nicht anders steht es um Sarrazins Kritik der Einwanderung aus muslimischen Ländern. Dass es da ein besonderes Problem gibt, ist offiziell anerkannt – wozu gäbe es sonst eine Islamkonferenz? Die perfekt integrierten Muslime, die als Gegenbeispiele im Fernsehen auftreten, zeigen nur, dass es auch anders geht – Anstrengung auf beiden Seiten, vor allem aber bei den Migranten, vorausgesetzt. Es bleibt die Frage, warum „anatolische Schwaben“ wie Cem Özdemir immer noch Ausnahmen sind, auch wenn ihre Zahl glücklicherweise zunimmt.

          Sarrazin hat Streit gesucht und bekommen. Wenn seine Verbannung dazu führt, dass über die von ihm benannten Probleme nicht nur gesprochen, sondern dass auch gehandelt wird, hätte der Streit einen Sinn gehabt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Zum Tod von Diego Maradona : In den Händen Gottes

          Bei der WM 1986 wurde er in Argentinien zum Heiligen. Er war einer, der es nach ganz oben schaffte. Nun muss die Fußball-Welt sich von einem ihrer größten Spieler verabschieden: Im Alter von nur 60 Jahren ist Diego Armando Maradona gestorben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.