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Terroristen in der Provinz : Das Geheimnis von Oberschledorn

  • -Aktualisiert am

Nichts ist mehr so, wie es einmal war: Spurensuche in der Provinz Bild: ddp

Einen Tag lang blickte die Welt nach dem Zugriff auf drei mutmaßliche Terroristen auf Oberschledorn im Sauerland. Der Spuk ist vorbei. Nun kehrt die Normalität zurück - doch die wichtigste Frage bleibt weiterhin ohne Antwort. Von Peter Schilder.

          Am Morgen suchen Männer in weißen Overalls immer noch nach den Spuren des Schusses. Des einzigen Schusses, der beim Zugriff auf die drei mutmaßlichen Terroristen in Medebach-Oberschledorn gefallen ist. Dann graben die weißen Männer einen Grenzstein aus und nehmen ihn mit. Mittags ist die Polizei verschwunden. Am Abend zieht schon wieder der Knappenverein durch die Straßen der Nachbarschaft.

          Dort soll am Samstag Hochzeit sein. Die jungen Leute des Dorfes kommen, um das „Knappe-Geld“ vom Bräutigam zu kassieren. Es muss reichen, sie einen Abend lang freizuhalten, sonst darf er seine Braut nicht heiraten. Es soll eine große Hochzeit werden. Die Normalität kehrt zurück in den Ort im Sauerland, auf den einen guten Tag lang die Welt blickte.

          Oberschledorn trägt wieder sein Alltagsgewand

          Selbst in der „Washington Post“ tauchte Oberschledorn auf, zwischen den üblichen Schauplätzen der Weltpolitik, und auch noch richtig geschrieben, wie ein junger Mann stolz feststellt. Bürgermeister Nolte gab dem amerikanischen Fernsehsender ABC per Telefon ein Interview auf Englisch. Die Homepage von Oberschledorn, auf die sich sonst vielleicht 25 Besucher am Tag verirren, wurde überrannt.

          Doch der Spuk ist vorbei. Der kleine Ort trägt wieder sein Alltagsgewand. Die Menschen, die noch am Mittwoch auf der Straße standen und bereitwillig in jedes Mikrophon sprachen, üben sich wieder in westfälischer Zurückhaltung. Nur Ortsvorsteher Dessel, der sich schon am Mittwoch „den Mund fusselig geredet hat“, gibt noch bereitwillig Auskunft.

          Die meisten Bewohner merkten nichts vom Zugriff

          Und doch gibt es kein anderes Thema auf dem Knappenabend im Lindenhof und der Dorfschänke, den beiden Gasthäusern. Das wird auch am Samstag auf der Hochzeit nicht anders sein. Die Oberschledorner können es immer noch nicht fassen, was sich da zwischen ihren Häusern abgespielt hat. Den Zugriff am Dienstagnachmittag haben die meisten Dorfbewohner ohnehin nicht mitbekommen. Das ging blitzschnell und fast lautlos. Auf einmal waren die vielen Autos da, vermummte Gestalten. Erst danach rückte die uniformierte Polizei an.

          Aus dem Gedächtnis fischen die Einwohner nun die Indizien eines verdächtigen Treibens aus den Tagen zuvor, die sie zwar bemerkt, aber nicht in einen Zusammenhang gebracht hatten. Zum Beispiel stand da jener Lieferwagen vor der Sparkasse, der zwar ein einheimisches Kennzeichen hatte, aber dennoch auffiel. Jeder will etwas anderes beobachtet oder wenigstens gehört haben. Die wichtigste Frage, die alle bewegt, lautet: „Warum gerade Oberschledorn?“ Es gibt keine Antwort darauf.

          Viele ungünstige und vor allem lange Verkehrswege

          Es ist keine amerikanische Kaserne in der Nähe und kein Flughafen. Die Verkehrswege sind eher ungünstig und lang. Es fehlen die Massen von Touristen, in denen die Terroristen hätten untertauchen können. In Oberschledorn gibt es gerade einige kleine Pensionen und vereinzelte Ferienwohnungen. Von „Individualtourismus“ ist die Rede. Oberschledorn lebt von einem Sägewerk, einer Maschinenfabrik und einigen anderen Betrieben mit insgesamt 250 Arbeitsplätzen.

          Wahrscheinlich hat diese Unscheinbarkeit die Terroristen angelockt. Wo nichts Besonderes sei, werde auch nichts Besonderes vermutet, mutmaßt einer. Ein anderer will gehört haben, dass einer der drei Verhafteten schon früher in Medebach gewohnt und somit die Verhältnisse gekannt haben soll. Bürgermeister Nolte hat das anhand des Melderegisters überprüfen lassen. Fehlanzeige. Gemeldet war keiner der drei Verhafteten. Jetzt, da in den Zeitungen Fotos von ihnen gezeigt wurden, glauben einige, sie im Dorf gesehen zu haben.

          Das Mieten des Hauses bleibt ein Rätsel

          Das Haus im Eichenweg, das zur Bombenwerkstatt werden sollte, wird seit Jahren an Gäste vermietet. Die Eigentümer leben in Dortmund, so dass die Mieter weitgehend ungestört bleiben. Die Garage ist so angelegt, dass man über eine Treppe direkt ins Haus gelangt. Das erleichterte den Materialtransport. Unmittelbar vor dem Haus, auf der anderen Straßenseite, liegt ein großer Kinderspielplatz. Auch zum Zeitpunkt des Zugriffes sollen dort Kinder gespielt haben. Nun wird darüber gerätselt, wie die drei Männer das Haus gemietet haben. Über das örtliche Touristenbüro wurde es nicht gebucht, so viel hat man wohl gehört. Fast alle vermuten, dass es die Polizei weiß. Der Eigentümer des Hauses, der am Donnerstag in Oberschledorn „einiges zu regeln hatte“, verweigert freundlich die Auskunft.

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