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Andreas Ross (anr.)

Terrorismus : Terror, Technik und Transparenz

  • -Aktualisiert am

Voreilige Schlüsse nützen auch bei der Bekämpfung von Terroristen niemandem. Transparenz hat bei der Verbrecherjagd nichts zu suchen - wohl aber bei der politischen Aufklärung.

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          Auch aus dem Doppelanschlag von Boston müssen die Sicherheitskräfte Lehren ziehen. Eine reibungslose Zusammenarbeit verschiedener Behörden selbst in Extremsituationen bleibt ein immerwährender Auftrag. Besonders zu untersuchen ist in diesem Fall zweierlei: Warum hielten die Dienste die Brüder Tsarnaev nicht länger im Auge, obwohl es all die Alarmzeichen gegeben hatte? Und warum musste es nach der Identifizierung eines vielfach aktenkundigen Bombenlegers noch zu einer gefährlichen Verbrecherjagd kommen, nach der es auf Seiten der Guten wie der Bösen je einen Toten und einen Schwerverletzten gab - und eine in die Millionen gehende Stadtbevölkerung, die sich aus verordneter Vorsicht einen Werktag lang zu Hause einschloss?

          Was Präsident Obama mit Blick auf die Motive der Attentäter gesagt hat, gilt aber auch für die Bewertung von Polizei und Geheimdiensten: Voreilige Schlüsse nützen niemandem. Es war auch eine Bevölkerung, deren Engagement sich zum Teil in Anmaßung verwandelt hatte, welche die Behörden zu dem möglicherweise fatalen Schritt bewog, die Fahndungsfotos zu veröffentlichen. Denn auf den im Internet vieltausendfach verfügbaren Bildern vom Marathonlauf machten Hobby-Profiler „verdächtige“ Rucksackträger aus, deren Festnahme Möchtegern-Cops per Facebook verlangten. Immer schwerer fiel es der Polizei, den von ihren technischen Möglichkeiten berauschten Amateuren zu trotzen und sich öffentlich noch ahnungsloser zu präsentieren, als sie es ohnehin war - was bewährte Ermittlungstaktik ist, wenn auch die Täter fernsehen könnten. Da jeder Hobbyfotograf seine Bilder daheim mit Gesichtserkennungs-Software sortieren kann, fällt es dem Hollywood-geschulten Publikum schwer zu glauben, dass die Ermittler ihren Steckbriefbildern zunächst keine Adressen zuordnen konnten. Doch gegen Sonnenbrillen und Mützen kam die Technik nicht an. So simpel liegen die Dinge bisweilen, auch wenn die Ermittler sonst tief in die digitale Privatsphäre hineingreifen können.

          Es gibt keinen perfekten Schutz vor Terrorismus. Den Sicherheitskräften ist am meisten mit Vertrauen geholfen. Die Politik muss durch Kontrolle und Güterabwägungen dafür sorgen, dass die Bürger Grund dazu haben. Transparenz hat in der Verbrecherjagd nichts zu suchen - wohl aber in der politischen Aufklärung.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

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