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Terrorismus-Experte Petri : „Man kann viel mehr tun“

Ein Einschussloch im Fenster eines Pariser Restaurants am Tag nach den Anschlägen. Bild: Reuters

Deutschland ist genauso gefährdet wie Frankreich, sagt der Terrorismusfachmann Wolfgang Petri. Im Gespräch mit FAZ.NET fordert er drastische Maßnahmen zum Schutz vor Anschlägen wie in Paris.

          Ist es sicher, dass die Terrormiliz IS hinter den Attentaten in Paris steckt?

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Es ist anzunehmen, dass Frankreichs Präsident François Hollande Recht hat. Er wird sich dabei auf Erkenntnisse der Geheimdienste stützen. Außerdem hat sich der IS ja selbst bezichtigt. Und derzeit schließe ich alle anderen Gruppen aus, zu solch einer Anschlagsserie überhaupt in der Lage zu sein.

          Was hat es mit dem in Rosenheim gefassten, angeblichen Komplizen der Pariser Terroristen auf sich?

          Das ist eine heiße neue Spur, der die Ermittler noch nachgehen müssen. Er ist womöglich Teil eines weltweiten Netzwerkes. Hier scheint ein Sonderkommando extra für diesen Anschlag nach Europa geschickt, in Marsch gesetzt worden zu sein. Noch weiß man nicht viel über den Festgenommenen. Aber was feststeht, ist: Das ist kein lokales Ereignis. Man kann das überhaupt nicht isolieren auf Frankreich.

          Wolfgang Petri war 16 Jahre lang bei der Kriminalpolizei. Seit 1992 ist er als Sicherheitsberater für Industrie und Wirtschaft tätig. Sein Spezialgebiet sind Ermittlungen im Bereich der organisierten Kriminalität, Antiterrorbekämpfung und Prävention.

          Wie kann die Planung einer so gewaltigen Anschlagsserie den Sicherheitsbehörden nicht auffallen?

          Heute ist es einfach schwer, Kommunikation zu überwachen und zu begrenzen. Mit den neuen Medien kann man blitzschnell Aufrufe durch den Äther senden, Befehle an die Terrorzellen vor Ort ausgeben. Aber sicherlich werden da die Überwachungsmöglichkeiten auch nicht voll ausgeschöpft. Das ist ja immer auch ein Politikum. Frankreich hat inzwischen immerhin die höchste Sicherheitsstufe ausgerufen. Wir brauchen aber mehr Sicherheitskontrollen an den Außengrenzen der EU.

          Einige der Täter sind womöglich erst vor Kurzem nach Frankreich gekommen. Andere lebten hingegen schon lange dort, wie auch die Attentäter von Charlie Hebdo.

          Ja, das stimmt. In diesem konkreten Fall hätten Grenzkontrollen also nicht geholfen. Und man kann auch davon ausgehen, dass es in jeder großen europäischen Stadt ein Netzwerk gibt, das sich für Attentate kurzfristig zusammenschließen kann. Ich vergleiche das immer wieder mit der Baader-Meinhof-Bande, der Terrorgruppe Rote  Armee Fraktion in den siebziger Jahren. Die haben genauso operiert. Da haben Zellen gewartet, bis sie Informationen bekamen und dann europa- und weltweit agiert, etwa in Mogadischu.

          Warum traf es jetzt schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate Frankreich?

          Das ist leicht erklärbar. Alle, die Richtung Syrien marschieren, gelten als Kreuzritter und werden dafür im Umkehrschluss in ihrer Heimat bestraft. Deutschland, England, Frankreich, Italien: Das sind die Kernländer, die da in Frage kommen. Zurzeit richtet sich die Aggression vor allem gegen Europa.

          Also halten Sie auch Deutschland für gefährdet, obwohl wir uns nur indirekt durch die Unterstützung der Kurden in Syrien engagieren?

          Ja. Das zeichnet sich doch durch den Ort des Anschlags ab: Das Pariser Stadion Stade de France. Deutschland hat dort gegen Frankreich Fußball gespielt. Das war sicherlich nicht nur ein Seitenhieb, sondern eine zentrale Aussage dieses Anschlags.

          Arbeiten die deutschen Sicherheitsbehörden also besonders gut? Oder stehen wir vielleicht doch weniger im Fokus der Terroristen?

          Man muss davon ausgehen, dass Frankreich ohnehin eine andere Beziehung zu den arabischen Staaten hat und dort mehr im Fokus steht. Aber Deutschland wird sicher nicht außen vor gelassen werden und unsere Sicherheitsmaßnahmen sind auch sicherlich nicht höher als die in Frankreich. Zumal es in der heutigen Zeit ja kein Problem ist, so einen Anschlag zu verlagern. Hätten die Terroristen an dem Tag in Paris keine Chance gesehen, hätten sie ein paar Stunden nach Deutschland fahren können und den Anschlag dort ausüben. Das ist logistisch wirklich gar kein Problem.

          Ihrer Meinung nach sind die Sicherheitsmaßnahmen also zu lasch?

          Ja. Die Vergangenheit zeigt, dass man viel mehr tun kann. Der inzwischen verstorbene Kanzler Helmut Schmidt hat seinerzeit gegen die RAF etwa eine Nachrichtensperre durchgesetzt. Das ist ist in jedem Fall sinnvoll, um Ermittlungsmaßnahmen umsetzen zu können, die nicht durch Indiskretionen an die Öffentlichkeit gelangen können. Und es gab damals Zielfahndungen. Da lief abends nach der Tagesschau eine Zielfahndung nach je einem Terroristen und so haben wir uns die Stück für Stück vorgeknöpft. Heute könnte man so nach Personen aus dem Dunstkreis der Attentäter fahnden, bundesweit und europaweit.

          Und was kann präventiv getan werden?

          Maßnahmen und Kontrollen an Flughäfen und Bahnhöfen müssten verschärft werden und Islamisten, die sich  in Deutschland aufhalten, nicht aus den Augen gelassen werden. Diese ganzen Maßnahmen müssten möglichst schnell und unbürokratisch umgesetzt werden. Wie Hollande das gemacht hat, der die Polizei befähigt hat, Wohnungen ohne Durchsuchungsbeschlüsse zu durchsuchen. Das sind sehr drastische, aber notwendige Maßnahmen.

          Das betrifft ja die Ermittlungsarbeit, nicht die Prävention. Welche weiteren präventiven Maßnahmen fordern Sie?

          Man müsste das Schengen-Abkommen mit seinen offenen EU-Binnengrenzen auf unbestimmte Zeit aussetzen.

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