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Terrorismus : Die willigen Dschihad-Krieger aus Deutschland

Die Gruppe hat wohl nicht mehr als 200 Kämpfer. Ihre Führer sind junge Männer Anfang dreißig. In ihren Reihen sollen gute Sprengstoffausbilder sein, deren Kenntnisse aus der Ausbildung in der sowjetischen Armee kommen. Entscheidend für die Handlungsfähigkeit der IJU ist, dass sie, wie das Video von Ciftcis Selbstmordkommando nahelegt, enge Verbindungen zu den Taliban hat. Und dass sie von Al Qaida unterstützt wird. So könnte die Ausbildung ausländischer Kämpfer durch Al-Qaida-Leute geschehen. Kontakte gibt es zwischen IJU-Kämpfern und Al-Qaida-Leuten auch aus dem gemeinsamen Kampf in Tschetschenien. Dort sind vor einigen Jahren zwei türkischstämmige Deutsche und ein Konvertit aus Ulm bei Gefechten mit den russischen Soldaten ums Leben gekommen.

Doch wieso kommen militante Islamisten aus Deutschland ausgerechnet zu dieser usbekischen Gruppe? Ein Teil der Fachleute geht von der „Turkthese“ aus. Die IJU, dominiert von Usbeken, die zur Turkfamilie gehören, hätte danach mit Billigung von Al Qaida die Aufgabe übernommen, speziell Türken und türkischstämmige Europäer zu rekrutieren, da sie ihnen ethnisch und sprachlich näher stehen als die ursprünglich arabische Al Qaida. „Eine transnational operierende und internationalistisch argumentierende usbekische Organisation ist deshalb in geradezu idealer Weise zur Rekrutierung von Türken geeignet“, schreibt etwa der Terrorismus-Fachmann Guido Steinberg.

Die sprachliche Nähe - ein schwaches Argument?

Dass die IJU ihre Bezichtigungen auf Türkisch veröffentlicht hat, stützt diese These. Auch hat der Führer der IJU, Nadschmiddin Dschalolow, ein Interview gegeben, das im vergangenen Sommer auf türkischen Internetseiten erschienen ist. Dort bekennt er sich zwar weiter zum Ziel, das Regime von Präsident Islam Karimow in Usbekistan zu stürzen, aber auch dazu, den Dschihad in die ganze Welt zu tragen. In der Türkei ist die IJU nach Angaben von Ermittlern zumindest mit einzelnen Kleinstzellen präsent, die Kontakte nach Pakistan vermitteln. Vielen Ermittlern erscheint dieses Schema jedoch zu konstruiert.

Eine Orientierung am „Panturkismus“ entspräche kaum den Vorstellungen der Dschihadisten vom internationalen Kampf gegen die Kreuzzügler, die Amerikaner und ihre Verbündeten. Für die Rekrutierung von Türken bedürfe es zudem nicht irgendwelcher Usbeken. Die sprachliche Nähe sei ein schwaches Argument. So spricht der mutmaßliche Kopf der „Sauerland“-Gruppe, der Deutsche Fritz Gelowicz, weder Türkisch noch Arabisch. Dennoch war er, nicht der Türke Ylmaz angeblich der wichtigste Ansprechpartner im IJU-Lager in Pakistan - Englisch ist eben auch die „lingua franca“ des globalen Terrorismus. Später soll gerade Gelowicz Dutzende von Mails von den IJU-Führern bekommen haben.

Das BKA warnt deutsche Organisationen in Afghanistan

Die Gegenthese zur „Turkthese“ ist die Zufallsthese. Durch einen Zufall sei es zur Aufnahme der ethnischen Türken und Konvertiten aus Deutschland bei der IJU gekommen - dieser Kontakt wurde dann ausgebaut. Dafür spricht, dass es vor dem Aufenthalt der „Sauerland“-Gruppe in Pakistan nichts über Kontakte der IJU nach Deutschland bekannt ist. „So wie Gelowicz und die anderen zufällig zur IJU gekommen sein können, so zufällig könnte die IJU an Deutschland geraten sein“, sagt ein Fachmann.

Egal, welche These stimmt - an der Bedrohung ändert das nichts. Die türkischsprachigen islamistischen Websites im Internet vermehren sich mit großer Geschwindigkeit. Und in Pakistan sind weiter Islamisten aus Deutschland auf Ausbildungstour. Aus dem Umfeld der „Sauerland“-Bomber sind es derzeit drei, aber insgesamt sprechen Ermittler von mehr als dreißig. Das Bundeskriminalamt warnt deutsche Organisationen in Afghanistan vor Anschlägen durch den staatenlosen Houssain Al M. und den deutschen Konvertiten Eric B.. Der nächste Selbstmordattentäter könnte ein Deutscher sein.

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