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Terrorismus : Die Wege deutscher Dschihadisten

Cüneyt Ciftci wandelte sich zum radikalen Muslim und wird innerhalb kurzer Zeit zum Terroristen Bild: dpa

Immer länger werden beim Bundesnachrichtendienst und Bundeskriminalamt die Listen radikaler Islamisten, die aus Deutschland in Ausbildungslager nach Pakistan reisen, wo der Umgang mit Sprengstoff geübt wird. Das Gesetz, das dies unter Strafe stellt, lässt auf sich warten.

          Cüneyt Ciftci lächelt selig in die Kamera, hinter dem bärtigen Burschen sind ein staubiger Hof zu sehen, einige graubraune Lehmhäuser und ein kleiner Pritschenlaster. Wenige Minuten später werden er, der Pritschenwagen und drei Tonnen Sprengstoff in eine amerikanisch-afghanische Kaserne in der Provinz Khost rasen und mit einem gewaltigen Schlag explodieren. Fünf Menschen werden am 3. März 2008 bei diesem Anschlag getötet: zwei amerikanische und zwei afghanische Soldaten - und Ciftci, ein Selbstmordattentäter aus Deutschland.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Seine islamistischen Komplizen haben die Todesfahrt gefilmt und auch die Vorbereitungen dazu. Der achtundzwanzig Jahre alte Mann zeigt die Zünder vor, den säckeweise verladenen Sprengstoff, er erklärt die Verkabelung und lächelt dabei tief glücklich, so als stehe seine Hochzeitsnacht bevor und er präsentiere seine Geschenke an die Braut. „Und dann werde ich mit Erlaubnis Allahs diesen Knopf drücken“, säuselt er und zeigt auf einen kleinen Schalter neben dem Lenkrad. Dann umarmt er seine Freunde und fährt los.

          Cüneyt Ciftci war einer von vielen

          Später, als Ciftci und seine Opfer in Stücke gerissen werden, hört man die Kameraleute aufgeregt jubeln. Tage nach der Tat werden sie das Video der Tat ins Internet einstellen: „Die Brüder von Affen und Schweinen sollen wissen, das wir sie zu Hause angreifen werden“, heißt es drohend im Vorspann des Films.

          Standbild eines Dschihadisten? Ein Video zeigt vermutlich Eric B. (links)

          Inzwischen hat sich die Islamische Dschihad Union (IJU) des Anschlags bezichtigt, jene Terror-Organisation, der auch die jungen Leute zugerechnet werden, die vergangenen September im Sauerland versucht haben, aus 720 Litern Wasserstoffperoxid Bomben zu bauen. Ciftci kannte wenigstens einen von ihnen, Adem Yilmaz aus dem hessischen Langen, der in der Gruppe als Reiseorganisator gilt. Adem Yilmaz, der in Haft sitzt, hat Ciftci möglicherweise den Weg nach Pakistan gebahnt, wo er eine Ausbildung in einem Camp der IJU absolviert hat, wie die Ermittler vermuten.

          Cüneyt Ciftci war einer von vielen: ein unauffälliger Angestellter der Bosch-Niederlassung im bayerischen Ansbach mit Migrationshintergrund. 1979 in Freising geboren, hatte er seit 1985 in Ansbach gelebt, hatte hier die Schule absolviert, Fußball gespielt, später Diskos besucht. 1991 schickten ihn seine Eltern eine Zeitlang auf ein Internat in die Türkei. Ciftci war verheiratet, Vater zweier Kinder, er ging zur Moschee des türkisch-islamischen Vereins in der Heilig-Kreuz-Straße. Einmal hat er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt.

          Warnsignal mit vielen Zwischentönen

          Doch dann ändert sich sein Weg von der Integration in Richtung Konfrontation. Cüneyt Ciftci wandelt sich zum radikalen Muslim und wird innerhalb kurzer Zeit zum Terroristen, der bereit ist, an jedem Ort der Welt für seine Sache zu sterben. Am 2. April 2007 verschwinden er und seine Familie aus Ansbach. Die Wohnung wird geräumt, beim Einwohnermeldeamt melden sie sich korrekt ab. Dann reist die Familie in die Türkei. Dort vermuten die deutschen Ermittler heute seine Frau und die Kinder. Ciftci selbst gelangt - vermutlich über Iran und Pakistan - spätestens im Frühjahr 2008 nach Afghanistan.

          Seine Tat ist für die deutschen Sicherheitsbehörden ein Warnsignal mit vielen Zwischentönen: Zum ersten Mal ist ein Selbstmordattentäter aus Deutschland in Afghanistan aufgetaucht. Die deutschen Behörden kannten den Mann und hatten ihn bis zu seiner Ausreise unter Beobachtung. Die IJU hat mit dem Afghanistan-Anschlag untermauert, dass sie eine handlungsfähige Organisation ist.

          Das Video, das auf insgesamt 27 Minuten den Mann und seine Tat präsentiert, wurde inzwischen von Terror-Unterstützern mit deutschen Untertiteln versehen und ins Internet eingestellt. Es ist sowohl ein Videofilm zur Selbstbezichtigung als auch eine Art Lehrfilm. Es zeigt, wie gründlich die Tat vorbereitet wurde, wie die Terroristen die Kaserne ausspähten und anhand von Fotos die Schwachstellen der Sicherung erläuterten und auch erklärten, wo vermutlich die meisten Opfer anzutreffen wären.

          Eric B. gilt als verschwunden

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