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Terror in Paris : Anschlag auf die Freiheit

  • Aktualisiert am

Ein Ausschnitt aus einem Amateurvideo zeigt zwei Täter bei ihrem Terroranschlag in Paris. Bild: BBC

Zwei schwer bewaffnete Männer haben die Redaktion der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ überfallen und ein Blutbad angerichtet. Sie haben damit den Westen ins Mark getroffen - es ist der bislang schwerste Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit.

          Zwei schwer bewaffnete Männer haben in Paris den schwersten Terroranschlag seit langem in Westeuropa begangen. Doch die Tat mit zwölf Toten geht darüber hinaus. Sie ist auch ein Anschlag auf die Meinungs- und Pressefreiheit und damit auf die westlichen Werte. Die islamistischen Attentäter haben sich gezielt eine Zeitschrift als Ziel gesucht, die mit ihrer Haltung für die Meinungsfreiheit eingetreten ist, immer wieder druckte sie Mohammed-Karikaturen und ließ sich durch Drohungen nicht einschüchtern.

          Die Täter haben in der Redaktion der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ ein Blutbad angerichtet. Frankreichs bekannteste Karikaturisten, die vor allem mit ihren Mohammed-Karikaturen Anstoß erregt hatten, sind tot. Die Hälfte der Redaktionsmitglieder lebt nicht mehr. Der Chefredakteur und Zeichner Stéphane Charbonnier wurde erschossen, genauso wie seine drei Kollegen Wolinski, Cabu und Tignous. Ein Journalist, der in Räumen gegenüber von „Charlie Hebdo“ arbeitet, berichtete von fürchterlichen Szenen: „Leichen am Boden, Blutlachen, sehr schwer Verletzte“.

          Wer die Täter sind, ist noch unklar. Zeugenberichten zufolge sollen sie sich auf Al Qaida bezogen haben. Sie sind während der wöchentlichen Redaktionskonferenz in das Gebäude eingedrungen und begannen zu schießen. Auf Amateur-Videos ist zu hören, wie sie bei ihrer Flucht „Allahu akbar“ („Allah ist groß“) und „Wir haben den Propheten gerächt“ rufen. Die Polizei suchte die mit Kalaschnikows bewaffneten und mit schwarzen Sturmhauben vermummten Täter am Mittwochnachmittag noch immer. Nur ein Fluchtauto wurde nach ihrer Tat gefunden.

          Kaltblütige Flucht durch Paris

          Mit welcher Kaltblütigkeit die Angreifer vorgingen, zeigt ihre Flucht: Während ihrer Fahrt vom 11. Arrondissement zwischen dem Platz der Bastille und dem Platz der Republik stiegen sie aus ihrem Auto noch einmal aus und töteten einen Polizisten per Kopfschuss, wie auf einem Video zu sehen ist. In der Nähe der Porte de Pantin in Richtung nordöstlichem Stadtrand überfielen sie einen Autofahrer und überfuhren einen Passanten. Seither verliert sich die Spur.

          „Sie waren vermummt, mit Kalaschnikow oder M16“, erzählte ein Nachbar schockiert. Die Angreifer seien „todernst“ gewesen, so dass er an Sondereinheiten der Polizei habe denken müssen, die Drogenhändler verfolgen. „Man kam sich vor wie bei einem Filmdreh.“ Andere erzählen, wie sie gerade die Straße entlang kamen oder aus dem U-Bahn und fast in die Schießerei gerieten. Der 56-jährige Jean-Paul Chevalier, der in einem Kindergarten arbeitet, kam mit einigen Kleinen dort vorbei: „Leute lehnten sich aus dem Fenster und schrieen mir zu, vom Bürgersteig zu verschwinden. Die Leute waren in Panik, und ich hörte Schüsse.“ Die sozialistische Regierung in Paris verhängte umgehend die höchste Terrorwarnstufe für den Großraum Paris - ein Schritt, der ungewöhnliche Sicherheitsmaßnahmen und Einschränkungen für die Bevölkerung zulässt. So wurde nicht nur der Schutz von Medienhäusern, großen Kaufhäusern, Kirchen und im öffentlichen Nahverkehr erhöht. Für Schulen wurden alle Ausflüge untersagt, Parken vor Schulen wurde verboten.

          Präsident Francois Hollande begab sich unverzüglich an den Tatort. Angesichts des „Terroraktes“ rief Hollande die Nation zur Einheit auf. Diese „Barbarei“ sei ein „Schock für Frankreich“, sagte der Sozialist. Er berief eine Krisensitzung des Kabinetts ein. Für den Großraum Paris wurde sofort die höchste Sicherheitsstufe ausgerufen. Auch in anderen europäischen Ländern wurden die Sicherheitsmaßnahmen überprüft. In Belgien und Italien beriefen die Regierungen Krisensitzungen mit Terrorismusfachleuten ein. Italien erhöhte die Zahl der Sicherheitskräfte vor gefährdeten Objekten wie Presseredaktionen, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete. Innenminister Angelino Alfano lud den Antiterror-Ausschuss zu einer Sitzung. Der belgische Premierminister Charles Michel berief eine Sitzung von Sicherheitsberatern und Ministeriumsfachleuten ein.

          Innenminister Bernard Cazeneuve traf schon am Mittag in der Redaktion ein und sprach mit Redaktionsmitgliedern. Das Redaktionsgebäude im 11. Arrondissement steht seit Monaten unter Polizeischutz. „Charlie Hebdo“ war seit der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen wiederholt zur Zielscheibe islamistischer Gruppen geworden. Nach Angaben des französischen Innenministers seien drei Täter in den Anschlag verwickelt. Es werde alles getan, um die drei Kriminellen, die hinter diesem „barbarischen Akt“ steckten, außer Gefecht zu setzen, sagte der Minister am Mittwoch nach einer Krisensitzung im Élysée-Palast. Konkrete Angaben zur jeweiligen Rolle der Attentäter machte Cazeneuve nicht.

          Die Zeichnerin „Coco“, die für Charlie Hebdo arbeitet, war Zeugin des Anschlags: „Ich wollte gerade meine Tochter aus dem Kindergarten holen gehen. Als ich aus dem Redaktionsgebäude kam, kamen zwei vermummte und bewaffnete Männer und haben uns brutal bedroht. Sie wollten ins Haus, hinauf. Ich habe den Code eingegeben. Sie haben auf Wolinski geschossen und auf Cabu. Das hat etwa fünf Minuten gedauert. Ich bin in mein Büro geflüchtet.... Sie haben perfekt französisch gesprochen. Sie haben sich auf Al Qaida bezogen“, berichtete sie der französischen Zeitung „Le Figaro“.

          Der Polizist Emmanuel Quemener berichtet ebenfalls in „Le Figaro“, dass die Attentäter sich offenbar in der Adresse getäuscht hätten: sie seien zuerst ins Haus Nummer 6 in der Rue Nicolas Appert gegangen, dort habe man ihnen gesagt, dass der Sitz von Charlie Hebdo im Haus Nummer 10 sei. Die Attentäter seien während der Redaktionskonferenz gekommen und hätten Kriegswaffen der „ersten Kategorie“ genutzt.

          Das linksgerichtete Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ hat sich nie damit abgefunden, dass Mohammed und der Islam insgesamt von Karikaturen und Satire ausgenommen werden soll. Seit Jahren ist das Magazin deshalb zur Zielscheibe für islamistische Gruppen geworden. 2006 zählte Charlie Hebdo zu den wenigen Zeitschriften, welche die Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Jyllands-Posten nachdruckten. Der Dachverband französischer Muslime (CFCM) klagte dagegen, vor Gericht aber wurde das Magazin frei- gesprochen. Am 2. November 2011 brannte das Redaktionsgebäude am Boulevard Davout in Paris nach einem Anschlag aus. Der Brandangriff wurde in Zusammenhang mit einer Karikatur Mohammeds auf der Titelseite gebracht, aber nie vollständig aufgeklärt. Charlie Hebdo wurde ebenfalls Opfer von Hackerangriffen.

          Politiker verurteilen Bluttat

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich erschüttert über den „niederträchtigen Anschlag“ gezeigt. „Diese abscheuliche Tat ist nicht nur ein Angriff auf das Leben französischer Bürgerinnen und Bürger und die innere Sicherheit Frankreichs“, schrieb Merkel am Mittwoch in einem Kondolenztelegramm an den französischen Präsidenten François Hollande. „Sie stellt auch einen Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit dar, ein Kernelement unserer freiheitlich-demokratischen Kultur, der durch nichts zu rechtfertigen ist.“

          Deutschland stehe „in diesen schweren Stunden eng an der Seite unserer französischen Freunde“, schrieb die Kanzlerin weiter. Sie drückte in dem Telegramm dem französischen Präsidenten und seinen Landsleuten „die Anteilnahme der Menschen in Deutschland und mein ganz persönliches Mitgefühl“ aus.

          Sowohl der britische Premier David Cameron als auch der Präsident des EU-Parlaments Martin Schulz taten über den Kurznachrichtendienst Twitter ihren Abscheu kund. Auch der amerikanische Präsident Obama ließ verlauten er verurteile den Anschlag „aufs heftigste“.

          Der russische Präsident Wladimir Putin hat nach dem Anschlag jede Art von Terrorismus verurteilt. Der Präsident drücke sein „tiefes Mitgefühl für die Angehörigen der Opfer und auch für die Menschen von Paris und alle Franzosen“ aus, sagte ein Kreml-Sprecher am Mittwoch. „Moskau verurteilt scharf jede Form von Terrorismus.“

          Die Nato hat derweil ihren Willen zum Kampf gegen den Terror bekräftigt. „Die Nato-Verbündeten halten im Kampf gegen Terrorismus zusammen“, erklärte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Mittwoch in Brüssel. „Wir stehen in voller Solidarität bei unserem Verbündeten Frankreich.“ Terrorismus „in allen seinen Formen“ könne „niemals toleriert oder gerechtfertigt werden“.

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