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Terror in Paris : Wir fürchten den Tod nicht

Was wir den Terroristen entgegensetzen müssen: Weiterzuleben wie bisher. Das christliche Heilsversprechen ist nicht schwächer als die irren Vorstellungen verblendeter Todesschwadronen.

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          Auch die Absage einer Großveranstaltung kann ein wirksamer Beitrag im Kampf gegen den transnationalen Terrorismus sein. Es geht schließlich darum, Menschen zu schützen und Gewalt zu verhindern. Geplante Ereignisse trotz ernstzunehmender Warnungen vor einem möglichen Massenmord stur durchzuziehen, ist nicht mutig – sondern eine Straftat. Dass sich manche Gefahren später nicht bestätigen, ist Polizeialltag.

          Und darum geht es immer noch: um Polizeiarbeit. Die ist präventiv, hilft aber auch bei der Strafverfolgung. Wie robust sie sein kann, zeigt sich nicht nur an der martialischen Ausrüstung der Sondereinsatzkommandos, sondern auch am Auftreten und an den Befugnissen. Das reicht von der bewaffneten Verteidigung bis zum finalen Rettungsschuss. Dass in einer Notlage die Bundeswehr helfen muss, wenn die Polizeikräfte an ihre Grenzen kommen, ist selbstverständlich und von der Verfassung so vorgesehen. Ansonsten können die Streitkräfte, mit entsprechendem Mandat ausgestattet, auch weltweit zum Antiterrorkampf eingesetzt werden. Das ist schon längst Wirklichkeit. Nicht nur am Horn von Afrika, sondern auch in Syrien oder im Irak ist damit ein Einsatz möglich.

          Doch sollte die ebenso martialische wie verständliche Rhetorik des Anschlagsopfers Frankreich über eines nicht hinwegtäuschen: Auch im Krieg, im „schonungslosen“ Kampf, muss man klug handeln und abwägen, um zu gewinnen. Dazu kann Abwarten gehören, Täuschen – oder den Gegner ins Leere laufen zu lassen. Auch die bewusste Provokation ist ein Mittel. Gerade der Frontstaat Israel hat alle möglichen Erfahrungen gemacht, etwa die, dass eine Mauer Schutz bewirkt und dass harte und pauschale Vergeltung nach jedem Terroranschlag nicht gleich zur Befriedung der Lage führt.

          Gerade gegen einen Feind, der nicht nur wahllos Zivilisten tötet, sondern sich auch hinter ihnen versteckt, muss man nicht zuletzt auf gute Geheimdienstarbeit und polizeiliche wie militärische Spezialkräfte setzen. Die Ausschaltung der führenden Köpfe, das Austrocknen der Finanzquellen und das Lahmlegen der digitalen wie analogen Infrastruktur sind schwierig, aber vermutlich ist das wirksamer (wie auch die Amerikaner erkannt haben) als die Bombardierung von Zielen, bei der das Risiko verbunden ist, unschuldige Opfer zu treffen.

          Zivile Opfer sind gewiss auch das Ziel des „Islamischen Staats“ in unseren Städten. Deshalb muss nicht nur Europa, deshalb muss auch unser Land seine Grenzen schützen. 850 neue Bundespolizisten an der bayerischen Grenze bringen wenig, wenn die Stellen erst in ein paar Jahren besetzt werden. Es ist merkwürdig, dass die Bundesregierung nach eigenem Bekunden nicht weiß, welche und wie viele Flüchtlinge sich in Deutschland aufhalten. Ganz sicher will sie aber wissen, dass alle Flüchtlinge vor dem islamistischen Terror fliehen. Es sind solche Aussagen, die daran zweifeln lassen, dass der Staat seine Pflichten erfüllt und die Lage im Griff hat.

          Denn das eigentliche Ziel von Terroristen ist es, Angst und Schrecken zu verbreiten. Dagegen war die Bedrohung durch die RAF, die auch zu landesweiten Straßenkontrollen durch schwerbewaffnete Polizisten und zu staatskrisenhaften Erscheinungen führte, eher gering. Denn die Tötung einer möglichst großen Zahl von Passanten war nicht das Ziel der RAF. Die Terroristen damals, nicht selten Pastorenkinder, wollten ihre Anschläge zudem überleben.

          Was also können wir dem Todestrieb der islamistischen Fanatiker entgegensetzen? Die Antwort lautet: Sich keine Angst machen zu lassen; die eigenen Werte hochhalten. Die Islamisten behaupten, in einer alten Botschaft von Al Qaida: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“. Darauf antwortete einst der sozialdemokratische Bundesinnenminister Otto Schily: Wenn ihr den Tod so liebt, dann könnt ihr ihn haben.

          Ja, wir lieben das Leben. Aber ist das alles? Auch viele Menschen im von den Islamisten verhassten Westen haben nicht nur das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit vor Augen, sondern auch die Hoffnung, dass mit dem Tod nichts alles zu Ende ist. Ganz konkret: Warum sollte ein Christ Angst vor dem Tod haben? Das christliche Heilsversprechen ist ja wohl nicht schwächer als die irren Vorstellungen jener verblendeten Todesschwadronen.

          Genau hier liegt ein Fehler Europas. Mitglieder der auf einzigartige Weise miteinander verbundenen Wertegemeinschaft Europäische Union verschwenden ihre Kraft darauf, diejenigen zu geißeln, welche die christlichen Wurzeln des Kontinents betonen. Dabei hat doch dieser Glaube, hat die jüdisch-christliche Tradition viele Millionen Menschen nicht nur in Europa geprägt. Würde des Menschen, Freiheit, gerade auch aller Religionen, Gleichheit, Nächstenliebe – das geht auch in den selbstbezogenen westlichen Gesellschaften allzu oft unter. Aber furchtlos das Leben zu lieben, das steht doch bei aller Wachsamkeit und Schutzpflicht des Staates hinter den richtigen Appellen, weiterzuleben wie bisher. Veranstaltungen kann man absagen. Das Weltbild aber, das dahinter steht, muss man unbedingt hochhalten.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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