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Terror in Bombay : Angriff auf das Herz Indiens

Soldaten beziehen Position am „Gateway of India”, einem Monument, das gegenüber dem belagerten Taj-Hotel liegt Bild: REUTERS

Auch wenn die Gruppe mit dem Namen „Deccan Mujahedin“ noch weitgehend unbekannt ist, werden die Ermittlungen kaum an der traurigen Wahrheit rütteln, dass Indien sein eigenes islamistisches Terror-Milieu ausgebrütet hat.

          Wer nicht mit Indien vertraut ist, kann nur schwer ermessen, was der Terror-Angriff auf Mumbai (vormals Bombay) für das Land bedeutet. Das Viertel, das die Terroristen in der Nacht zu Donnerstag gestürmt haben und noch immer in Schach halten, ist der Stolz Indiens.

          In Colaba, rund um den „Marine Drive“, wohnt, arbeitet und bewegt sich, wer etwas auf sich hält. Indiens größte Börse ist dort angesiedelt, ebenso das Hauptquartier der Marine und das schickste Ausgehviertel des Landes. Die Flammen, die in der Nacht aus der Kuppel des historischen Taj Hotels schlugen, treffen die Inder ähnlich tief ins Herz wie vor sieben Jahren die einstürzenden World-Trade-Towers die Amerikaner.

          Neues Zentrum für islamistische Terroristen

          Dass ihr Land verwundbar ist, wissen die Inder schon lange. Aber in keinem Jahr zuvor gab es derart viele und blutige Anschläge. Jaipur, Delhi, Ahmedabad - allein seit Mai starben mehr als 350 Menschen durch die Hand von Terrororisten. Was Indien lange Zeit nicht wahrhaben wollte, ist nun evident.

          Das Land ist zu einem neuen Zentrum für islamistische Extremisten geworden, und auch wenn die Gruppe mit dem Namen „Deccan Mujahedin“ noch weitgehend unbekannt ist, werden die Ermittlungen vermutlich kaum an der traurigen Wahrheit rütteln, dass Indien sein eigenes islamistisches Terror-Milieu ausgebrütet hat.

          Das Land trifft der beispiellose Angriff auf zehn Ziele ihrer Finanzmetropole in einer labilen Phase. Zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt ist der nationale Aufwärtsrausch von Ernüchterung gebremst. Die Regierung versucht zwar unverdrossen, Indiens wirtschaftliche Lage schönzureden, aber die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Nicht nur die Börsen zeigen den allgemeinen Vertrauensschwund an, auch die zu erwartenden Wachsumsraten werden von den Ökonomen beinahe wöchentlich nach unten korrigiert.

          Enttäuschte Erwartungen

          Auch auf der internationalen Bühne haben die Inder manche Erwartung enttäuscht. Mit dem „Nuklearabkommen“, das Delhi mit den Vereinigten Staaten abgeschlossen hat, ist der Regierung Singh zwar ein Durchbruch gelungen, aber Beobachter sind sich einig, dass der Vertrag nicht wegen, sondern trotz Delhi zustande gekommen ist.

          Die Befreiung aus der (nuklearpolitischen) Isolation scheint dabei Indiens Bereitschaft nicht zu erhöhen, internationale Iniativen über Gebühr zu unterstützen. Weder in der Klimapolitik, noch in der Iran-Krise zeigt sich Delhi bislang bereit, Anstrengungen zu unternehmen, die über ihre unmittelbaren Interessen hinausgehen würden.

          Noch gehört der Slogan von der „kommenden Großmacht“ zum Standard-Repertoire politischer Reden in und außerhalb Indiens. Aber die Anschläge und das Geiseldrama von Mumbai sind geeignet, den Blick wieder auf jenes Indien zurückzulenken, das unter der Oberfläche der Euphorie immer fortbestanden hat: ein Land, das mehr schlecht als recht regiert wird, das es nicht fertig bringt, unfassbare Armut zu besiegen, und das von immer schärferen religiösen und ideologischen Konflikten bedrängt wird.

          Loyale gegen militante Muslime

          Die meisten der 150 Millionen indischen Muslime verhalten sich traditionell loyal gegenüber dem Land, das ihnen Religionsfreiheit gewährt, sie aber auch in vielerlei Hinsicht marginalisiert. Niemand weiß, wie hoch ihre Anfälligkeit gegenüber extremistischen Verführern ist, aber sowohl die internationale als auch die innenpolitische Kulisse verheißen nichts Gutes.

          In nächster Nachbarschaft expandieren afghanische und pakistanische Extremisten derzeit in einer „unverstellbaren Geschwindigkeit“ - so der Regional-Kenner Ahmed Rashid - und verbreiten so auch unter indischen Islamisten die Stimmung, dass sich bewaffneter Kampf und Terror auszahlen.

          In Indien selbst sehen sich die Muslime einer wieder erstarkenden Bewegung von Hindunationalisten gegenüber, die - allen voran der Hetzer aus Mumbai, Raj Thackeray - ein Klima von Feindseligkeit gegenseitigem Misstrauen geschaffen haben.

          Opposition hegt Sympathien für Hindunationalismus

          Die politische Klasse tut wenig, um diesen Gefahren zu begegnen. Die Opposition, die im kommenden Frühjahr wieder an die Regierung gewählt werden will, sympathisiert mit dem Hindunationalismus und stachelt religiöse Konflikte eher an. Die Regierung von Manmohan Singh wiederum behandelt die wachsende Gewalt als lästiges Tagesthema.

          Zwar reiste Singh noch am Donnerstag nach Mumbai, aber Reden, die unter dem unmittelbaren Eindruck von Terror und Leid gehalten werden, bedeuten noch lange nicht, dass die Kongresspartei dem aufziehenden Kulturkampf im Land mit Priorität begegnen würde - er passt nicht ins Bild eines friedlichen multireligiösen Indiens, das sich anschickt in die erste Reihe der Staaten aufzusteigen.

          Die Tragödie als „Reality Check“

          Fast scheint es, als wolle Delhi bewusst der Eindruck aufrechterhalten, dass in Indien die Welt in Ordnung ist. In der Hauptstadt, wo allein seit September sieben Bomben detonierten, haben es die Behörden nicht einmal für nötig gehalten, minimale Sicherheitsvorkehrungen zu schaffen. Die Kontrollen vor den großen Hotels sind dürftig, die Märkte - bislang die Hauptziele der Anschläge - sind so zugänglich wie eh und je.

          Die Sorge, dass neue Prioritäten das mühsam erworbene Ansehen als aufstrebende Wirtschaftsmacht perforieren könnte, mag begründet sein. Langfristig aber dürfte Indiens Reputation größeren Schaden nehmen, wenn sich herumspricht, dass seine Politiker die Augen vor der Wirklichkeit verschließen. Wenn Delhi nicht Gefahr laufen will, internationales - aber auch nationales - Vertrauen zu verspielen, muss es die Tragödie von Mumbai als „Reality Check“ begreifen.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

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