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Telefonat mit der Kanzlerin : Vatikanische Phantasien

  • -Aktualisiert am

Kanzlerin Merkel und Papst Franziskus:„Regierungssprecher Steffen Seibert und Vatikansprecher Federico Lombardi dementieren die Meldung“ Bild: dpa

Kanzlerin Merkel und der Papst haben nicht miteinander telefoniert. Und auch ein Interview mit dem Pontifex soll nur fiktiv geführt worden sein. Das wundert nicht: Exklusive Gespräche, die nie stattfanden gehören in Italiens Presse zum guten Ton.

          Ein Telefonat zwischen Papst Franziskus und Bundeskanzlerin Angela Merkel über den Zustand Europas hat es nicht gegeben; darüber sind sich nun beide einig. Gleichwohl liefen am späten Dienstag die Leitungen zwischen Vatikan und Bundeskanzleramt heiß. Anlass dafür war ein zweites Gespräch, das es offenbar ebenfalls nicht gegeben hat – und zwar zwischen dem Mailänder „Corriere della Sera“ und Papst Franziskus, das die Zeitung aber in der Montagausgabe veröffentlicht hatte.

          Da hatte ein für politische Themen zuständiger Redakteur von einem Treffen im informellen Rahmen an einem stillen Nachmittag im Gästehaus der Casa Santa Marta im Vatikan berichtet. Jorge Mario Bergoglio sei „sichtbar zufrieden“ gewesen , „vor allem weil es ihm nun gelungen ist, eine neue Brücke“ zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Moskauer Patriarchat zu bauen, werden sich doch erstmals in der Geschichte beider Kirchen am Freitagabend Franziskus und Kirill auf neutralem Boden in Havanna treffen.

          Der Heilige Stuhl und Russland

          Der Redakteur vermittelte den Eindruck, er selbst habe ein Gespräch mit dem Papst geführt. Vatikansprecher Federico Lombardi bestätigte das am Montag nicht. Er wolle „private Äußerungen“ des Papstes nicht kommentieren, denn dem „liegt viel an seiner Freiheit, bei der nicht jedes Wort auf die Goldwaage gehört“, sagte der Jesuitenpater, ohne weiter auf den Gesprächsinhalt einzugehen oder gar das Gespräch als fiktiv zu bezeichnen.

          Allgemein hieß es nur, die wiedergegebenen Äußerungen deckten sich mit Zitaten in anderen Zusammenhängen, etwa der Kritik des Papstes am Westen zur Zeit des „Arabischen Frühlings“. Die militärischen Interventionen seien ein Wagnis gewesen, für die jetzt ein hoher Preis bezahlt werde, wurde der Papst im „Corriere“ zitiert. Anfangs habe es in Libyen nur einen Gaddafi gegeben, nun gebe es davon fünfzig. „Da gibt es teilweise eine Übereinstimmung in der Analyse zwischen Heiligem Stuhl und Russland“, wurde der Papst in dem fiktiven Interview zitiert, „teilweise, und diesen Teil sollten wir nicht übertreiben, denn Russland verfolgt seine eigenen Interessen.“

          Völlig aus der Luft gegriffen

          In einem anderen Teil des angeblichen Gespräches mit der Zeitung ging es um ein Telefonat Merkels mit dem Papst wenige Tage nach dessen kritischer Rede im Europaparlament Ende 2014 in Straßburg, in welcher der Papst Europa mit einer „Großmutter“ verglichen hatte, die nicht länger fruchtbar und vital sei. Merkel habe ihn „etwas verärgert“ angerufen, wurde der Papst zitiert, und er habe sie beruhigt; denn gerade in „dunkelsten Momenten“ zeige Europa „stets ungeahnte Ressourcen“.

          Am Dienstag nachmittag reagierte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin mit den Worten, die Kanzlerin könne sich an so einen Anruf beim Papst nicht erinnern. Diese Erklärung führte nach Angaben des Vatikans zu einem ersten Telefonat Lombardis mit Seibert. Der Vatikansprecher versicherte sich daraufhin beim Papst, der sich auch nicht an ein Gespräch erinnern konnte, meldete dies wiederum Seibert telefonisch zurück und ließ Radio Vatikan am späten Dienstagabend mitteilen: „Regierungssprecher Steffen Seibert und Vatikansprecher Federico Lombardi dementieren die Meldung“, dass ein Telefonat stattgefunden habe. Allerdings hieß es aus dem Vatikan, völlig aus der Luft gegriffen sei das erfundene Zitat des Papstes im „Corriere“ nicht. Im Februar 2015 habe sich Franziskus ausführlich mit Kanzlerin Merkel über seine Straßburger Rede unterhalten, man habe auch herzlich miteinander gelacht.

          Es gehört zu den Usancen der italienischen Presse, von vermeintlich exklusiven Gesprächen zu berichten, die nicht stattfanden. So machte der „Corriere“ im vergangenen Herbst aus dem Papstinterview mit ein paar dutzend mitreisenden Journalisten beim Anflug auf Washington ein Exklusivgespräch.

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