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Teilzeitarbeit : Morgens Managerin, abends Mutter

  • -Aktualisiert am

Mama geht arbeiten. Bild: dpa

Immer mehr Unternehmen bieten Frauen Teilzeitarbeitsplätze an, um Geld zu sparen und die Vereinbarkeit von Karriere und Beruf zu ermöglichen. Beschäftigte und Betriebe sammeln gute Erfahrungen.

          "Mama, was ist eigentlich eine Hausfrau?" fragte neulich die fünf Jahre alte Julia-Sarita ihre Mutter. Andrea Brand, 44 Jahre alt, ist keine: Die Abteilungsleiterin bei der Lufthansa arbeitet an vier Tagen in der Woche von 9 bis etwa 16 Uhr außer Haus. Drei Monate nach der Geburt ihrer Tochter war sie wieder ganztags berufstätig. Kurze Zeit später reduzierte sie ihre Arbeitszeit auf 80 und später auf 70 Prozent. Für Julia-Sarita kam eine Kinderfrau ins Haus, für den Haushalt gibt es eine Hilfe. Auch Reparaturen und Gartenarbeit werden delegiert, denn Julia-Saritas Vater ist ebenfalls beruflich stark beansprucht.

          Andrea Brand liegt mit ihrem Modell, Familie und Beruf zu vereinbaren, im Trend: Die Anzahl der Teilzeit-Arbeitsplätze in Deutschland steigt. Im Jahr 1997 gab es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 4,7 Millionen Teilzeitstellen; im Jahr 2003 waren es 7,2 Millionen. Die überwiegende Mehrheit der Inhaber solcher Stellen sind Frauen, aber auch etwa eine Million Männer haben ihre Arbeitszeit reduziert. Die Teilzeitquote stieg im gleichen Zeitraum von 13,9 auf 22,4 Prozent.

          Bedarf größer als Angebot

          Eine Befragung der Hertie-Stiftung unter 1000 westdeutschen und 500 ostdeutschen Unternehmen vom Januar 2003 ergab, daß 84,8 Prozent der Firmen flexible Arbeitszeiten anbieten, größere mit mehr als 500 Mitarbeitern häufiger als kleinere.

          Dennoch ist der Bedarf an Teilzeitarbeitsplätzen offenbar weit größer als das Angebot: Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit aus dem Jahr 2000 ist in 77 Prozent der Familien mit Kindern unter drei Jahren die Aufgabenverteilung "klassisch": Der eine Partner ist voll erwerbstätig, während der andere sich den ganzen Tag um Kind und Haushalt kümmert. Doch nur 14 Prozent der Familien finden dieses Modell ideal. 63 Prozent hätten lieber eine Kombination aus einer Vollzeit- und einer Teilzeitstelle, 16 Prozent wünschen sich für beide Partner eine Teilzeitbeschäftigung.

          Unproblematisch im öffentlichen Dienst

          Zwei Gründe für den eklatanten Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit werden immer wieder genannt, zuletzt in einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Emnid: 80 Prozent der befragten Frauen gaben an, fehlende Teilzeitstellen hielten Mütter vom Wiedereinstieg in den Beruf ab. 72 Prozent sagten, der Mangel an verläßlichen Möglichkeiten zur Kinderbetreuung sei der Grund.

          Unumstritten ist Teilzeitarbeit in der Regel im öffentlichen Dienst - Richterinnen, Lehrerinnen und Verwaltungsangestellte haben zumeist keine Schwierigkeiten, ihren Wunsch nach einem Teilzeitarbeitsplatz zu realisieren. Unüblich ist Teilzeitarbeit bei Wirtschaftsprüfern, Unternehmensberatern und in großen Anwaltssozietäten, wo Verfügbarkeit rund um die Uhr erwartet wird. In Banken und Versicherungen, die unter ihren Beschäftigten einen großen Frauenanteil haben, ist die Bereitschaft, Teilzeitarbeit zu ermöglichen, größer.

          Teilzeit rechnet sich

          Die Sparkasse Bonn etwa wurde von der Evangelischen Kirche in Deutschland für ihr Engagement zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf ausgezeichnet. Dort hat der Vorstand Leitsätze zur Teilzeitarbeit verabschiedet, in denen es ausdrücklich heißt: "Jeder Arbeitsplatz ist teilbar. Teilzeit von Führungskräften ist möglich." Doch wird reduzierte Arbeitszeit dort nicht als altruistisches Projekt, sondern als betriebswirtschaftliche Notwendigkeit gesehen: "Mit Teilzeitarbeit können wir durch erhöhte Arbeitszeitflexibilität, Motivation und Produktivität Wettbewerbsvorteile erzielen."

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