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Teil 2: Die Karriere der Ursula von der Leyen : „Ein Geflecht aus Intrigen“

  • -Aktualisiert am

Inszenierung einer mustergültigen Familie: Ernst Albrecht, Frau und Kinder Bild: dpa

Kaum eine andere Politikerin inszeniert ihr Privatleben so wie Familienministerin von der Leyen. Wie schon ihr Vater, der frühere Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, nutzt sie die Aufmerksamkeit des Boulevards zum eigenen Vorteil. Von Antje Schmelcher.

          Im Jahr 1998 gebar Ursula von der Leyen ihr sechstes Kind, 1999 das siebente. Von 1999 bis 2001 bekam sie Werkverträge. Im Alter von 43 Jahren konnte die vielfache Mutter ihren zweiten Hochschulabschluss vorweisen - ein Zeugnis bewundernswerter Selbstdisziplin. Eine wissenschaftliche Karriere ist daraus nicht geworden.

          „Ich habe in vielen verschiedenen Bereichen und Ländern gearbeitet.“ So klingt von der Leyens Beschreibung ihres Lebensweges bis dorthin. Das Sonderbare dieser Formel ist, dass sie ohne äußere Not beschönigt, wo nichts beschönigt werden muss. Denn wer erwartet dergleichen von einer siebenfachen Mutter? Wenn nicht von der Leyen selbst.

          „Sie überrollte uns wie eine Lawine“

          Ihre Zukunft begann erst im dritten Anlauf, und zwar von zu Hause aus. Ihre Karriere in der Politik war nun tatsächlich ein höchst erfolgreicher, ja wohl einmaliger Schnelldurchlauf. 2001 plante sie die Aufstellung als Landtagskandidatin für Niedersachsen zur Wahl 2003. Die erforderlichen kommunalpolitischen Meriten erwarb sie im Jahr 2001 durch die Wahl zur stellvertretenden Ortsbürgermeisterin von Ilten, einer Ortschaft mit dreieinhalbtausend Einwohnern in der Nähe Hannovers; dazu kam der CDU-Fraktionsvorsitz im Stadtrat der nächstgrößeren Gemeinde Sehnde.

          Wie der Vater, so die Tochter: „Lieber Papa, das habe ich von Dir gelernt”

          Von der Leyen warb mit weitaus mehr Plakaten für sich als die Bürgermeisterkandidaten, weil sie über ein Direktmandat auch in das Regionsparlament gewählt werden wollte. Schon in diesem ersten Wahlkampf ließ sie ihre Familie antreten, die auf einem Flyer im Gänsemarsch über eine grüne Wiese spazierte. „Ihre Kampagne war wahlentscheidend. Sie überrollte uns wie eine Lawine“, sagt Regina Runge-Beneke (SPD), die 2001 stellvertretende Bürgermeisterin in Sehnde war, „das ging von null auf hundert. So etwas hatten wir hier noch nie erlebt.“

          Der angestammten Wahlkreis des Vaters

          Eine solche Flut von Wahlplakaten glaubte man dort noch nicht gesehen zu haben. „Wir haben etwa zehn bis zwanzig Prozent mehr plakatiert“, sagt dagegen Stephan Langer, Parteivorsitzender der CDU in Sehnde, der zusammen mit von der Leyen die Wahlkampfaktion geplant hat, „schließlich gab es zahlreiche Gegenkandidaten, und sie hatte keinen sicheren Listenplatz für das Regionsparlament.“

          Es fehlte nur der passende Wahlkreis. Derjenige ihres Wohnortes Ilten bei Hannover kam nicht in Frage, denn er wurde vom CDU-Landtagspräsidenten Jürgen Gansäuer gehalten. So versuchte von der Leyen, den alten, sozusagen angestammten Wahlkreis ihres Vaters zu übernehmen, den dieser bis zu seiner Abwahl 1990 gehalten hatte: den Wahlkreis 39, zu dem Albrechts Heimatort Burgdorf sowie die Gemeinden Lehrte und Uetze gehören.

          Eine zweifelhaften Stimme

          Seit 1990 wurde der Wahlkreis vom Landtagsabgeordneten Lutz von der Heide (CDU) gehalten. Am 7. Dezember 2001 kam es zu einer Kampfabstimmung um die Kandidatur. Ursula von der Leyen siegte mit einer Stimme Vorsprung. Doch zeigte sich, dass ein zweideutiger Stimmzettel ihr zugerechnet worden war, statt, wie vorgeschrieben, als Enthaltung gewertet zu werden.

          Von der Heide wehrte sich gegen die Zuordnung der zweifelhaften Stimme. Der Fall gelangte in einem zeitraubenden Verfahren vom Kreisparteigericht bis vor das Landesparteigericht der CDU, das den Stimmzettel schließlich für ungültig erklärte. Aus dem vermeintlichen Sieg von der Leyens war also ein Patt geworden. Die Wiederholung der Wahl war für den 24. Mai 2002 angesetzt. Die Zeit bis dahin hat von der Leyen für sich zu nutzen gewusst.

          „Intrigen, Machenschaften, Kungeleien“

          In diesen Monaten führten sie und Ernst Albrecht sowie der mittlerweile verstorbene Ehrenvorsitzende der CDU in Hannover, Wilfried Hasselmann, persönliche Gespräche mit den Delegierten des Wahlkreises 39, flankiert von einer Kampagne der „Bild“ Hannover, geschrieben vom damaligen „Bild“-Redakteur Andreas Beuge. In sieben Artikeln, die meist das strahlende Foto von „Röschen“, der „Frauenärztin, Wissenschaftlerin und siebenfachen Mutter“ zeigten, war von „Polit-Intrige“ die Rede, der umstrittende Stimmzettel wurde zum „gefälschten Wahlschein“.

          Am Pranger: Lutz von der Heide. „Wer wollte ,Röschen' stürzen? Tochter von Ex-MP Albrecht Opfer einer schmutzigen Polit-Intrige“, hieß es in der „Bild“-Zeitung. Und weiter: „Gleich beim Start kämpft sie gegen ein Geflecht aus Intrigen, Machenschaften, Kungeleien.“

          Vom agilen Politiker zum Nestbeschmutzer

          Diese Kampagne beschädigte das Ansehen von der Heides, der nicht der Jäger, sondern der Gejagte war. Wenn man von Intrige sprechen will, so war er jedenfalls deren Opfer. Seit 13 Jahren war er Abgeordneter im Hannoverschen Landtag, nun machte ihn auch die übrige Regionalpresse bestenfalls zum Hinterbänkler.

          Dabei war der CDU-Mann ein agiler Politiker, unter anderem als Vorsitzender des Expo-Arbeitskreises und als Vorsitzender des Arbeitskreises Bundes- und Europaangelegenheiten der CDU-Landtagsfraktion. Auf einmal galt er - auch innerhalb der Partei - als Nestbeschmutzer. Und das hatte Folgen.

          Die Wahlwiederholung gewann von der Leyen mit einer Zweidrittelmehrheit. Damit war auch ihr Einzug in den Landtag schon so gut wie gesichert. „Bild“-Redakteur Beuge wurde nach der Landtagswahl Pressesprecher im niedersächsischen Wirtschaftsministerium von Walter Hirche (FDP), der schon unter Albrecht Minister war. Lutz von der Heide kehrte der Politik den Rücken.

          „Lieber Papa, das habe ich von Dir gelernt“

          Ursula von der Leyens steilem politischen Aufstieg stand nichts mehr im Weg. Sie war nun nicht nur Abgeordnete, sondern am 4. März 2003, dem ersten Tag der neuen Legislaturperiode im Niedersächsischen Landtag, sogleich Ministerin für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit im Kabinett Wulff. Das nun kann man wirklich eine Karriere nennen. Wahrscheinlich sogar eine einmalige. Und insoweit ist von der Leyen tatsächlich ein Musterfall für eine ganz spezielle Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

          Noch am Wahltag lief Ursula händchenhaltend mit ihrem Vater durch den Landtag. Die Presse berichtete darüber mit größtem Wohlwollen. Es schien, als sei mit der Tochter zugleich der Vater zurückgekehrt. In der ersten Kabinettssitzung des neugewählten Ministerpräsidenten Christian Wulff saß Ernst Albrecht sogar mit am Kabinettstisch.

          „Röschen“ hätte auch keinen Grund gehabt, hier Vorsicht walten zu lassen - im Gegenteil. Sie war für die niedersächsische CDU die lebendige Erinnerung an deren beste Zeit, Jahre, die sie Ernst Albrecht zu verdanken hatte. Als Weihnachtsgruß schmückte die Landesministerin denn auch ihre Homepage mit einem Foto der Familie, auf dem sie dem Betrachter ein Blech voller Plätzchen entgegenhielt. In der „Bild“ Hannover erschien jeden Samstag ihre neue Kolumne „Was mir am Herzen liegt“, in der sie wiederum aus dem Familienalltag plauderte. Zum 75. Geburtstag ihres Vaters erschien dort auch ihr Gratulationstext: „Lieber Papa, das habe ich von Dir gelernt.“

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