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Tebartz-van Elst zurückgetreten : Der Fall eines Bischofs

Der Fall Limburg ist ein Menetekel für die mangelnde Rechtskultur in der Kirche. Bild: dpa

Das aus Ausreden und Ausflüchten zusammengezimmerte Gebäude, das Tebartz-van Elst errichtet hatte, ist zusammengebrochen und hat ihn unter sich begraben. Nicht erst im Fallen hat der Bischof viele und vieles mit sich gerissen.

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          Gerhard Müller, Kardinal und deutscher Präfekt der Glaubenskongregation im Vatikan, rechnete bis zuletzt mit „den Medien“ ab. Einige hätten im vergangenen Herbst nichts ausgelassen, um Franz-Peter Tebartz-van Elst, den Bischof von Limburg, als „Protz-Bischof“ bloßzustellen. In der Tat: Innenansichten des neuen „Diözesanen Zentrums St. Nikolaus“ machten eine kleine Stadt an der Lahn weltbekannt, Nachrichten aus Limburg standen auf der Titelseite der großen Zeitungen.

          Seit Mittwoch ist der 54 Jahre Tebartz- van Elst nicht mehr Bischof von Limburg. Das aus Ausreden und Ausflüchten zusammengezimmerte Gebäude, das der Bischof errichtet hatte, ist zusammengebrochen und hat ihn unter sich begraben. Die Ausrede, er sei nach Indien in der Business Class geflogen, nicht in der Ersten Klasse, in der sein Körper allerdings saß, war eine eidesstattliche Falschaussage. Dann gab es die wundersame Kostenvermehrung um den Faktor zehn bis fünfzehn beim Bau seiner zum „Diözesanen Zentrum“ umgetauften Residenz auf dem Domberg. Der materielle Schaden, der der Kirche von Limburg auf diese Weise entstanden ist, lässt sich exakt beziffern. Die Prüfkommission, für die ein Kardinal aus Rom sorgen musste, hat ganze Arbeit geleistet. Zu dem Schaden für Limburg hinzugerechnet werden müssen eigentlich teils dramatische Einbrüche bei Kollekten für Hilfswerke und der Verlust an Kirchensteuern aufgrund explodierender Austrittszahlen weit über Limburg hinaus.

          Der Dom zu Limburg: Der Papst hat das Rücktrittsgesuch des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst angenommen. Eine Bilderchronik. Bilderstrecke

          Dennoch ist Geld etwas, an dem es in der Kirche noch immer am wenigsten fehlt. Weitaus größer dürfte der immaterielle Schaden sein, den der Fall Limburg nach sich zieht. Denn nicht erst im Fallen hat Tebartz-van Elst viele und vieles mit sich gerissen. Als habe es zuvor den verheerenden Schaden wegen des Missbrauchs von Kindern und das Verschweigen und Vertuschen solcher Fälle durch Priester wie Laien nicht gegeben, wurde auch in Limburg, in anderer Sache, lange Zeit vertuscht und verdunkelt. Wahr ist, dass Misswirtschaft bis hin zu Wirtschaftskriminalität im Raum der Kirchen kein „katholisches“ Phänomen ist. Freilich versteht sich die evangelische Kirche nicht als Gnadenanstalt. Deshalb wird sie zu Recht an anderen moralischen Maßstäben gemessen als die katholische.

          Das gilt auch für das Verhalten der Bischöfe. Noch bis in die vergangenen Tage wollten die Stimmen derer nicht verstummen, die Tebartz-van Elst öffentlich ihrer Solidarität versicherten. Wohl wahr: man sollte zu Freunden halten, wenn es ihnen übel ergeht. Doch das darf nicht bis zur Komplizenschaft im Unrecht gehen. So ist neuerlich das Vertrauen in Integrität und Dignität des Bischofsamtes wieder beschädigt worden, das nach dem Missbrauchsskandal mühevoll wiederaufgebaut wurde.

          Menetekel für die mangelnde Rechtskultur

          Doch worin liegt das Unrecht? Etwa im Bau des Bischofshauses als solchem, oder gar in der von vielen als stilvoll empfundenen Architektur? Nichts davon. Überall in Deutschland plant die Kirche aufwendig Häuser und verwendet edle Materialien. Billig zu bauen erweist sich auf mittlere und lange Sicht oft genug als kostspielige Angelegenheit. Aber die Wahrheit wider besseres Wissen zu verschweigen ist kein Kavaliersdelikt; es ist ein Missbrauch von Macht und Vertrauen.

          Daher ist der Fall Limburg ein Menetekel für die mangelnde Rechtskultur in der Kirche. Denn selbst wenn Tebartz-van Elst bei wohlwollender Auslegung nicht gegen den Buchstaben des Kirchenrechts verstoßen haben mag, so doch gegen dessen Geist. Die Kirche lebt von den Erträgen ihres Vermögens, nicht von dessen Substanz. Der Bischof von Limburg aber hat etwa ein Drittel der Substanz des Bischöflichen Stuhles in eine Immobilie investiert, die ihrem Namen zum Trotz allein auf ihn zugeschnitten war – Reliquienkammer und Depositum für kostbare Messgewänder eingeschlossen.

          Anachronistisches Verfahren

          Der Fall Limburg ist auch ein Zeichen der Überhöhung des Bischofsamtes. Diese ist ausgerechnet im Zweiten Vatikanischen Konzil angelegt und mit Formeln wie „Kollegialität“ und der Bildung von Bischofskonferenzen nicht hinreichend ausgeglichen worden. Erst recht fehlt es im Codex des kanonischen Rechts aus dem Jahr 1983 an einem entsprechenden Sanktions- und Prozessregime.

          Dieser Mangel ist umso gravierender, als schon Papst Benedikt XVI. mit der Maxime gebrochen hatte, sich a priori vor Priester und Bischöfe zu stellen: Ob in Südamerika, Zentralafrika oder Mitteleuropa – überall wurden in den vergangenen Jahren hunderte Priester und mehr als zwei Dutzend Bischöfe aus ihren Ämtern entfernt, freilich auch auf mehr oder weniger undurchsichtige Weise. In Deutschland hat es nach dem Augsburger Bischof Mixa nun innerhalb weniger Jahre den zweiten Bischof getroffen. Darum erfordert der Fall Limburg Konsequenzen, die über den Sturz des Bischofs Tebartz-van Elst hinausreichen. Diese reichen von der Auswahl und der Beurteilung der Kandidaten für ein Bischofsamt bis zu deren Bestallung. Es ist ein Anachronismus, dass diese fast überall auf der Welt vom Papst „frei“ ernannt werden und nicht zuvor vom Domkapitel gewählt. Franziskus Reformprogramm steht erst am Anfang.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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