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Takrit, Geburtsort des Diktators : Saddam Hussein und der große Saladin

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Takrit, der Geburtsort Saddam Husseins, gilt als familiärer Hort des irakischen Baath-Regimes. Für die Amerikaner hat er vor allem symbolische Bedeutung.

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          Daß die Amerikaner in ihrem Krieg gegen Saddam Hussein und seine Herrschaft auch die Kleinstadt Takrit (oder Tikrit) bombardieren, hat vor allem symbolische, weniger vielleicht strategische Gründe. Der irakische Diktator ist 1937 in einem kleinen Dorf bei eben diesem Takrit geboren worden und wuchs in dem Ort als Halbwaise im Haushalt seines Stiefvaters auf. Bevor der Ort sozusagen regierungsamtliche Weihen erhielt, lebte die Bevölkerung meistens im Schatten der politischen Ereignisse ihres Landes. Doch mit Saddam Husseins Aufstieg und der Machtergreifung der Arabischen und sozialistischen Partei der Wiedergeburt (al Baath) setzte eine Belebung ein, die für die Herkunftsorte der Herrscher in allen orientalischen Ländern charakteristisch ist. Wenn man an die Macht gelangt, tut man etwas für die Seinen, fördert Infrastruktur und Geschäfte. Natürlich hat Saddam Hussein in seiner Heimatstadt auch einen Sommerpalast. Wenn es in Bagdad zu heiß wird, empfiehlt sich das angenehmere Klima des Nordens, wo die Berge nahe sind.

          Es sind vornehmlich Bauern, die der Provinzstadt, die am Ostufer des Tigris nördlich der historisch und religiös bedeutenden Stadt Samarra (dort liegen zwei der schiitischen Imame begraben) in der Provinz Salahuddin liegt, lange ihr Gepräge gegeben haben. Eine vormals beduinische Gruppe vom Stamm der al Bedjat ließ sich dort nieder und begann, die Felder zu bestellen. In der gegenwärtigen irakischen Führungsschicht spielen "Takritis", Leute aus dem Herkunftsort des Führers (al rais al qaid), eine wichtige Rolle. Auch Saddam Husseins politischer Ziehvater, der vor ihm Präsident des Iraks war, General Ahmad Hassan al Bakr, war mit ihm verwandt und stammte aus Takrit. Der Revolutionsrat und das berüchtigte "Spezialbüro" des Geheimdienstes, Maktab al khass, sind mit Leuten aus Takrit und Verwandten des Staatspräsidenten immer durchsetzt gewesen.

          Saddam Husseins rechte Hand, Taha Yassin Ramadan, der vor vielen Jahren schon das "Volksheer", Dschaisch al schaab, ins Leben gerufen hatte, kommt ebenfalls aus Saddam Husseins Heimatort. Das "Volksheer", eine Miliz, die neben der regulären Armee lange eine wichtige Rolle gespielt hat, war Ramadans Hausmacht innerhalb des Regimes. Ramadan, der vor seinem Aufstieg in der Baath-Partei Taxifahrer war, wurde viele Jahre als Saddam Husseins "Kronprinz" angesehen. Er gehört zu dem engen Kreis jener, die den Staatschef schon einmal unterbrechen, seine Worte zusätzlich erläutern und ergänzen durften. Nach dem ersten Golfkrieg 1991 ernannte Saddam Hussein diesen Takriter "Landsmann" zum stellvertretenden Staatspräsidenten. Vor allem die Familien der Chairallah/Tulfah und der Majid tragen das personelle Gerüst der Herrschaft des Takriti-Clans. Verteidigungsminister Adnan Chairalla, ein Vetter Saddam Husseins, kam 1989 bei einem bis heute ungeklärten Hubschrauber-Unfall ums Leben.

          Die arabisch-nationalistische Ideologie der Baath-Partei knüpfte in ihrer Propaganda oft auch daran an, daß im Herkunftsort Saddam Husseins der große islamische Herrscher Salah al Din al Ajjubi, besser bekannt unter dem Namen Saladin, geboren wurde. Dieser Mächtige, der 1187 bei Hattin in Palästina die Kreuzfahrer besiegte und Jerusalem für den Islam zurückeroberte, herrschte von Kairo aus über Ägypten und Syrien und begründete sogar eine eigene Dynastie: das Herrscherhaus der Ajjubiden, das später von den Mameluken abgelöst wurde. Auch andere arabische Nationalisten, zum Beispiel der frühere ägyptische Staatspräsident Nasser, hatten sich die glanzvolle und siegreiche Periode Saladins zum Vorbild genommen. Dies hatte freilich einen Schönheitsfehler: Saladin war Kurde. Bis heute wollen die Kurden, nicht allein im Irak, vom arabischen Nationalismus nichts wissen.

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