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Tagebuch eines sowjetischen Häftlings : Stimme aus dem Schweigelager

Rita Lüdtke, Leiterin der AG Fünfeichen: „Noch nie habe ich etwas Bedrückenderes gelesen” Bild: dpa

In Neubrandenburg ist ein Häftlingstagebuch aus einem sowjetischen Internierungslager veröffentlicht worden. Der Pastor Wilhelm Bartelt, ein chronischer Pedant, schrieb Tag für Tag, sechs Monate lang, von Eintönigkeit, Krankheit, Hunger und Tod.

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          Nur wenige Wörter verliert Pastor Bartelt über die Möglichkeit seines eigenen Todes. Er schreibt über Mitgefangene, die erkranken, hungern, sterben. Er zählt Läuse, Brotstücke und Tote. Er ist ein pedantischer Chronist. Aber nur selten dringt die Angst vor dem eigenen Ende so deutlich durch die handgeschriebenen Zeilen wie am 16. November 1945. „Ich sehr schwach, befürchte Kollaps. Mittags eine Laus im Hemd“, heißt es kurz und brüchig nach Tagen unruhigen Schlafs und Arbeitseinsätzen in Kälte und Regen.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          „Bartelt hat sich selten mit seiner eigenen Angst beschäftigt“, sagt Rita Lüdtke. Auf ihrem Schreibtisch im Neubrandenburger Rathaus liegt ein Stapel vergilbter Zettel. „Oft scheint es fast kühl, wenn er vom Elend im Lager schreibt.“ Auch wenn sie spricht, hat sie den kleinen Papierhaufen fest im Blick. „Und doch habe ich noch nie etwas Bedrückenderes gelesen als diese Zettel.“ Es sind die heimlichen Aufzeichnungen eines Lagergefangenen - das Tagebuch von Pastor Wilhelm Bartelt, geschrieben im sowjetischen Internierungslager Fünfeichen bei Neubrandenburg. Bartelt schreibt Tag für Tag, von seiner Verhaftung 1945 bis hinein in den ersten Winter seiner Gefangenschaft. Fast sechs Monate Lageralltag hat er festgehalten - auf allem, was er kriegen konnte: alten Rechnungen, militärischen Dienstanweisungen, Lieferscheinen und Kalenderblättern.

          Alles scheint hektisch, disziplin- und planlos

          Frau Lüdtke leitet die Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen. Zum sechzigsten Jahrestag der Lagerschließung hat ihr Verein die Aufzeichnungen gemeinsam mit Historikern aufgearbeitet, die Bleistiftwellen entziffert und jetzt als Buch veröffentlicht. Für sie sind die krakeligen Notizen Pastor Bartelts ein wahrer Schatz: Es ist das einzige bekannte Dokument, das in dieser Dichte und Ausführlichkeit über das Leben in einem sowjetischen Internierungslager im Osten Deutschlands zwischen 1945 und 1949 berichtet.

          Auf Lieferscheinen beschrieb Pastor Bartel sein unmenschliches Dasein im Internierungslager
          Auf Lieferscheinen beschrieb Pastor Bartel sein unmenschliches Dasein im Internierungslager : Bild: AG Fünfeichen

          Im Sommer 1945 - weder die Informationen über den Tod Hitlers noch über die Kapitulation Deutschlands sind in alle Teile des heutigen Mecklenburg-Vorpommerns vorgedrungen - beginnt Bartelt seine Aufzeichnungen. 14. Juli 1945: „Nachmittags beim Bürgermeister gemeldet, alle die im letzten Krieg Soldat gewesen.“ Es ist der Anfang seiner Haftzeit, die er nicht überleben wird. Nach der Meldung wird er von russischen Soldaten festgenommen. Im Tross der Gefangenen wandert Bartelt Wochen durch Mecklenburg von Wismar bis Schwerin. Er übernachtet in alten Gutshäusern und wird in deren Kellern verhört. Alles scheint hektisch, disziplin- und planlos. Immer wieder versuchen Häftlinge zu fliehen. 16. Juli: „Ein Mann brach aus der Reihe, als er Frau und Tochter auf Wagen sah. Durch den Begleitmann bedroht, wollte er flüchten, blieb hängen, erschossen.“ In den Stunden des Wartens und des Eingeschlossenseins sind die Gespräche, von denen Bartelt berichtet, geprägt von Gerüchten und Ahnungslosigkeit. Hitler soll mit einem U-Boot nach Argentinien geflüchtet sein, hört Bartelt. Und „der Engländer“ rücke vor bis nach Mecklenburg. Das könnte die Rettung sein. „Wir wissen immer noch nicht, aus welchem Grund wir hier festgehalten werden und vor allem mit welchem Recht“, schreibt Bartelt am 3. August.

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