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Tag der Arbeit : Arbeiter, wir wollen dich hundertprozentig!

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Hitler bei der Grundsteinlegung für das VW-Werk bei Fallersleben 1938 Bild: picture-alliance / dpa

Heute vor 72 Jahren war der 1. Mai zum ersten Mal in Deutschland Feiertag - dank der Nazis. Der „Feiertag der nationalen Arbeit“ war eines von mehreren Zugeständnissen, mit denen das Regime die Arbeiter auf seine Seite zog.

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          Als internationaler Kampftag der Arbeiterklasse hat der 1.Mai eine heroische Geschichte. In Deutschland aber waren es die Nazis gewesen, die ihn zum Feiertag machten. Für Hitler, am 30. Januar 1933 an die Macht gekommen, drohte der 1. Mai zu einer gefährlichen Kraftprobe zu werden. Um das zu verhindern, traf sich Goebbels, gerade zum Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda ernannt, am 23. März mit Hitler, man beschloß einen offensiven Umgang mit dem Problem: Der 1. Mai wurde zum arbeitsfreien „Feiertag der nationalen Arbeit“ erklärt.

          „Wir werden das im größten Rahmen aufziehen und zum ersten Mal das ganze deutsche Volk zu einer einzigen Demonstration zusammenfassen. Von da an beginnt dann die Auseinandersetzung mit den Gewerkschaften. Wir werden nicht eher Ruhe bekommen, bis sie restlos in unserer Hand sind“, faßte Goebbels das Gespräch zusammen. So wurde am 1. Mai erstmals die „deutsche Volksgemeinschaft“ massenwirksam inszeniert, besonders eindrucksvoll auf dem Tempelhofer Feld in Berlin, wo Hitler vor eineinhalb Millionen die Überwindung des „Geistes des Klassenkampfes“ beschwor: Es komme „eine Zeit des Besinnens“, „des Zusammenfindens des deutschen Menschen“.

          Führende Gewerkschaftler verhaftet

          Die Gewerkschaften setzten dem kaum Widerstand entgegen. Am 15. April 1933 begrüßte der Bundesausschuß des der SPD nahestehenden Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) die Inszenierung, indem er die 1.-Mai-Feiern im Sinne der Nationalsozialisten umdeutete: Stets sei am 1. Mai, den nun auch der ADGB einen „deutschen Volksfeiertag“ nannte, „das Bekenntnis der von leidenschaftlichem Kulturwillen beseelten deutschen Arbeiter erglüht“. Die Arbeiterschaft sei gewillt, „ein vollberechtigtes Mitglied der deutschen Volksgemeinschaft zu werden“ und sich unter der neuen Regierung Hitler „in die Gemeinschaft des Volkes einzuordnen“.

          Schon am 2. Mai wurden die Gewerkschaftshäuser, die am Vortage noch schwarz-weiß-rote Fahnen gehißt hatten, von SA- und SS-Einheiten besetzt, führende Gewerkschaftler wurden verhaftet, das gewerkschaftliche Vermögen wurde beschlagnahmt. Robert Ley, der das „Aktionskomitee zum Schutz der nationalen Arbeit“ leitete, das Pläne zur Übernahme der Gewerkschaften ausgearbeitet hatte, verkündete nun den totalen Anspruch der NS-Bewegung gegenüber den Arbeitern: „Wir haben noch nicht das ganze Volk, dich, Arbeiter, haben wir noch nicht hundertprozentig, und gerade dich wollen wir. Wir lassen dich nicht, bis du in aufrichtiger Erkenntnis zu uns stehst.“

          Ein „Wechselbalg“

          Unter diesem Postulat wurde am 10. Mai 1933 die Deutsche Arbeitsfront (DAF) gegründet, die an die Stelle der Gewerkschaften trat. Was die DAF eigentlich sein sollte, wußten anfangs weder Hitler noch ihr Chef Ley. Sie war, so Hitler, ein „Wechselbalg“, dessen Charakter unbestimmt bleiben sollte. Klar war nur, daß es keine autonomen Arbeitnehmerorganisationen mehr geben durfte. Ebenso war klar, daß die Arbeiterschaft, bisher Hitler gegenüber feindlich gesinnt, stillgestellt werden mußte.

          Die Arbeitsfront war deshalb auch für sozialpolitische Bonbons zuständig. Im November 1933 rief sie nach italienisch-faschistischem Vorbild das Freizeitwerk „Kraft durch Freude“ (KdF) ins Leben, das mit organisiertem Massentourismus bei vielen Arbeiterfamilien positive Resonanz fand. Der von DAF und HJ organisierte „Reichsberufswettkampf“ fand Anklang unter jungen Arbeitnehmern. Der von der DAF erdachte „Leistungskampf der Betriebe“ zwang viele Unternehmen zu sozialen Zugeständnissen an die Belegschaften - und trug so zur Akzeptanz der Diktatur bei.

          Eine riesige Krake

          Mit 25 Millionen Mitgliedern war die DAF mit Abstand die größte Organisation des Reiches. Sie verfügte allein durch die Mitgliedsbeiträge über Gelder, die sämtliche Ausgaben der Reichs- und Länderkultusministerien für Forschung und Lehre übertrafen. Auch um „alten Kämpfern“ ein Auskommen zu verschaffen, baute die DAF einen Apparat von fast 50000 hauptamtlichen (und zwei Millionen ehrenamtlichen) Funktionären auf - ein Funktionärskorps, etwa doppelt so groß wie das der NSDAP. Zudem steckte die DAF enorme Summen in sozialpolitische, berufspädagogische, siedlungspolitische und leistungsmedizinische Projekte.

          Die Arbeitsfront wurde zu einer riesigen Krake, die sich immer neue Aufgabenbereiche einverleibte. All diese Aktivitäten beeinflußten nicht unwesentlich die Mentalität der Arbeiter. Der Berufswettkampf, die Kampagnen des DAF-Amtes „Schönheit der Arbeit“ und vieles andere waren mit dafür verantwortlich, daß besonders jüngere Arbeiter ein Leistungs- und Aufstiegsbewußtsein entwickelten, das nicht zuletzt in der Bundesrepublik zum Tragen kam. Vor allem jugendliche Arbeitnehmer wurden nicht mehr durch die klassische Arbeiterbewegung sozialisiert; sie waren offen für neue Wertesysteme. Die terroristische Zerschlagung der Arbeiterbewegung und die Lock-Angebote des Regimes waren dabei zwei Seiten derselben Medaille.

          „Nutznießer und Nutznießerchen“ des Raubkrieges

          Nach dem 1. Mai 1933 wurde die gespaltene, gelähmte Arbeiterbewegung zügig zerschlagen. Den Nazis gelang es zwar nicht, einen „Volksstaat“ oder eine „Fürsorgediktatur“ (Götz Aly) zu errichten. Bis 1939 galt vielmehr die von Göring ausgegebene Devise: „Kanonen statt Butter“. Die Effektivverdienste der Arbeitnehmer stagnierten, und trotz egalitärer Rhetorik wuchsen die Einkommensunterschiede. Dennoch gewann der Nationalsozialismus auch in der Arbeiterschaft an Boden, und schuf eine von Leistungsbereitschaft, Karrieredenken und Eigensucht geprägte Mentalität. Lockung und Zwang ließen auch die Arbeiterschichten stillhalten, die bis 1933 den Kern der Arbeiterbewegung ausgemacht hatten.

          Nach dem Novemberpogrom 1938 und vor allem seit dem Überfall auf Polen und später auf die Sowjetunion kam etwas anderes hinzu: Der Krieg eröffnete deutschen Wehrmachtssoldaten in den besetzten Ländern ein Eldorado. Er ließ zahllose Arbeiter, die in die graue Soldatenuniform geschlüpft waren, zu „Nutznießern und Nutznießerchen“ (Aly) des nationalsozialistischen Raubkrieges werden. Viele bereicherten sich an jüdischem Vermögen. Die deutschen Arbeiter schließlich, die weiterhin die großdeutschen Industriebetriebe am Laufen hielten, stiegen zu Vorarbeitern und Werkmeistern auf, die sich häufig genug gegenüber „Ostarbeitern“ zu deutsch-arischen „Herrenmenschen“ aufwarfen.

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