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Syrienkonflikt : Nervenkrieg um Hilfslieferungen

Medizin, Läuseshampoo und Babymilch: Hilfskonvoi für Daraja. Bild: Imago

Mit allen Mitteln versucht das syrische Regime den Widerstand im belagerten Daraja zu brechen. Vor allem die Zivilbevölkerung leidet an der Blockade, denn im umkämpften Gebiet herrschen Hunger und Energieknappheit.

          Als die internationale Empörung auch Daraja erreichte, war es schon Nacht und Hussam Ayyasch saß gerade mit seinen Freunden zusammen. „Wir haben bloß gelacht“, sagt er verbittert. Seine Heimat Daraja, eine Vorstadt von Damaskus, wird seit Jahren vom Regime belagert. Die Menschen hungern, leiden unter Durchfall und Infektionen, weil sie das dreckige Grundwasser trinken. Sie verbrennen Plastik, um die Erdölbestandteile zu gewinnen, damit die Stromgeneratoren laufen – ein gefährliches, hochgiftiges Verfahren. Als Ayyasch die Kamera an seinem Computer für eine Videoübertragung aktiviert, ist ein erschöpfter, ausgezehrter junger Mann zu sehen. Er arbeitet im örtlichen Rat von Daraja, der versucht, trotz der Belagerung den Betrieb eines Krankenhauses oder eine Grundschule am Laufen zu halten.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Der britische Außenminister Philip Hammond nannte es am Mittwoch „zynisch“, dass die Führung in Damaskus zwar einen Konvoi nach Daraja durchließ, der allerdings nur eine sehr überschaubare Hilfslieferung transportierte. „Ein wenig Medizin, Läuseshampoo und Babymilch haben die fünf Lastwagen gebracht. Lebensmittel hatten sie nicht geladen“, sagt Hussam Ayyasch. Am Mittwoch lief eine Frist ab, die Baschar al Assad von der internationalen Syrien-Kontaktgruppe, zu der auch seine Unterstützer Russland und Iran gehören, gesetzt worden war, Hilfslieferungen in die aufständische Vorstadt zuzulassen. Assad hat offenbar versucht, den Druck etwas zu mindern. Es ist das bekannte Spiel: Das Regime lässt etwas, was vereinbart ist oder selbstverständlich sein sollte, als Geste des guten Willens und des Entgegenkommens erscheinen, um Zeit zu gewinnen und weiter Fakten zu schaffen. Russland lobte den Daraja-Konvoi vom Mittwoch schon als positiven Schritt.

          Amerika, Frankreich und Großbritannien dringen dennoch darauf, Hilfsgüter für die belagerten Menschen in Syrien aus der Luft abzuwerfen. An diesem Freitag soll der UN-Sicherheitsrat mit der Angelegenheit befasst werden. Und an diesem Freitag dürften sich die Blicke wieder nach Daraja richten, denn nach Angaben von Diplomaten ist ein weiterer Hilfskonvoi geplant, der dieses Mal auch Lebensmittel bringen soll. Doch es herrscht Skepsis. Solche Hilfslieferungen sind stets ein Nervenkrieg, den Damaskus unerbittlich führt. Sie werden immer wieder aufgehalten oder – wie im Fall von Daraja Mitte des vergangenen Monats – kurz vor dem Ziel zurückgeschickt. Um Luftbrücken für die eingekesselten Oppositionsgebiete wirklich durchsetzen zu können, braucht es nach Ansicht von mit Syrien befassten Diplomaten aber die Unterstützung Moskaus und Teherans. Wer schützt etwa die Flugzeuge, sollten sie gegen den Willen des Regimes aufsteigen? Die amerikanische Regierung hat Russland in die Pflicht genommen, auf Assad einzuwirken und zur Not auch Lieferungen aus der Luft zu unterstützen. „Es ist sehr schwierig und sehr kompliziert“, sagt ein Diplomat.

          „Diesem Regime kann man nicht trauen“

          Es deutet derzeit jedenfalls nichts darauf hin, dass Assad von der Strategie Abstand nimmt, von der Opposition gehaltene Gegenden auszuhungern – es sind insgesamt neunundvierzig. Nachdem der Hilfskonvoi Daraja verlassen hat, so berichtet Hussam Ayyasch, nahm Assads Armee den Vorort wieder unter Beschuss. „Diesem Regime kann man nicht trauen“, sagt der Aktivist aus dem Ortsrat. Im Jahr 2014 wurde ein Belagerungsring geschlossen. Seit vielen Monaten habe die Armee auch die letzten Schleichwege und Schmuggelrouten abgeriegelt, sagt Ayyasch. Es sei nahezu unmöglich, durch die feindlichen Linien zu gelangen. Die letzte Hilfslieferung gab es im November 2012.

          Daran, dass die internationale Gemeinschaft tatsächlich Hilfslieferungen aus der Luft durchsetzt, glaubt Ayyasch nicht. „Es war um ein Uhr nachts, als wir von den Ankündigungen hörten“, sagt er. Einer seiner Freunde habe mit den Worten reagiert: „Morgen haben sie es sicher wieder vergessen.“ In Ayyaschs Worten zeigt sich der ganze Vertrauensverlust gegenüber der Staatengemeinschaft. „Wir bewerten Menschen nach dem, was sie tun. Und nicht nach dem, was sie ankündigen.“ Aber die Hoffnung auf eine bessere Zukunft will er nicht aufgeben. „Wenn du hier für eine Sekunde die Hoffnung verlierst, bist du tot“, sagt er.

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