https://www.faz.net/-gpf-89ems

Syrien : Spalten und siegen

Der russische Außenminister Sergej Lawrow stößt mit seinen Äußerungen auf Unverständnis bei der syrischen Opposition. Bild: dpa

Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat die Opposition in Syrien zur Zusammenarbeit im Kampf gegen den Islamischen Staat aufgefordert. Für die Rebellen ist das der blanke Hohn.

          3 Min.

          Für die Rebellen ist das Angebot des russischen Außenministers Sergej Lawrow der blanke Hohn. „Heute Morgen sind unsere Stellungen noch von russischen Kampfflugzeugen bombardiert worden“, sagt Usama Abu Zeid, ein Berater der oppositionellen Freien Syrischen Armee (FSA) am Telefon. „Wie kann man da von Zusammenarbeit reden?“ Die Aufforderung, die nichtdschihadistischen Gegner des syrischen Diktators Baschar al Assad sollten sich im Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) mit den russischen Streitkräften abstimmen, tut er als „eine neue Lüge“ ab. Und dann zählt er Ereignisse auf, die zeigten, dass die russischen Angriffe dem IS eher nutzten.

          Christoph Ehrhardt
          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          „Im nördlichen Umland von Aleppo haben wir den IS vergangene Woche aus einigen Orten vertrieben und waren prompt heftigen Luftangriffen ausgesetzt“, sagt er. Westliche Diplomaten weisen darauf hin, dass die russischen Luftschläge dem Muster folgen, nach dem auch das Regime vorgeht: in erster Linie die als islamistische Terrorgruppen geführten Rebellen bekämpfen, um sich bestmöglich als Partner im Kampf gegen die Dschihadisten andienen zu können.

          „Teile und herrsche“

          Offerten wie die Lawrows sind schon länger aus der russischen Führung zu hören. Nun hat der Außenminister persönlich das Wort ergriffen. Auch Assad hatte zuvor schon versucht, Rebellengruppen mit fadenscheinigen Friedensangeboten zur Aufgabe zu bringen. So hatte er unlängst verkündet, er sei auch bereit, mit „Terrorgruppen“ in einen Dialog zu treten – wenn das dazu führe, dass diese die Waffen niederlegten.

          Nicht nur die Opposition, sondern auch westliche Diplomaten sehen in den russischen Offerten vor allem den Versuch, die bewaffnete Opposition zu spalten. Es handle sich wohl auch um einen neuen Anlauf, eine diplomatische Lösung im russischen Sinne zu erreichen, jetzt, da auf dem Schlachtfeld ein etwas anderer Wind wehe, heißt es. „Teile und herrsche“, sagt ein Oppositionsvertreter in verächtlichem Ton. Und er macht deutlich, dass Moskau wohl Brigaden wie jene FSA-Truppe in Hassakeh im Nordosten Syrien anspreche, die gemeinsam mit den Kurden den IS bekämpfe und die sich nicht der nationalen Sache, sondern allein ihrer Heimatregion verpflichtet fühle.

          Berichte über örtliche Absprachen zwischen Rebellen und Regime gibt es auch aus anderen Gegenden Syriens, das durch die vielen verschiedenen Fronten schon lange zu einem Flickenteppich geworden ist. Dabei soll es etwa um freien Warenverkehr in umkämpften Gebieten gehen. Mit seinem Appell an die „patriotische“ Opposition traf Lawrow einen schwachen Punkt der Assad-Gegner. Denn einige der Rebellenbrigaden denken derzeit kaum über die Grenzen ihrer Heimatregion hinaus.

          Rebellen erwarten Unterstützung

          Die zahlreichen und raschen Zurückweisungen des von Lawrow geäußerten Angebots zeigen aber, dass die Assad-Gegner tiefes Misstrauen gegenüber Moskau hegen. So herrscht unter ihnen eher die Sorge, dass der Westen den Russen zu weit entgegenkommt. Der amerikanische Außenminister John Kerry hat mit Lawrow am Samstag über die Organisation von Gesprächen zwischen der Opposition und Assad gesprochen. Der Diktator soll sich nach russischen Angaben vom Sonntag bereit erklärt haben, vorgezogene Wahlen abzuhalten.

          Moskau versucht schon lange – im Sinne des Regimes – einen politischen Übergang im Rahmen der bestehenden staatlichen Institutionen ins Werk zu setzen, der allerdings für die Regimegegner nach Jahren des Blutvergießens nicht zur Debatte steht. „Wie kann man über Wahlen reden? Es will doch nicht einmal mehr jemand in diesem Land leben“, sagt denn auch der FSA-Berater Abu Zeid. So erwarten die Rebellen auch in Zukunft die Unterstützung Amerikas, Saudi-Arabiens, Qatars und der Türkei.

          Nach Angaben des amerikanischen Außenministeriums vom Sonntag haben Kerry und der saudische König Salman Bin Abd al Aziz Al Saud vereinbart, ihre Hilfe für die „moderaten Gruppen“ zu verstärken. Zugleich wolle man die Bemühungen um eine politische Lösung des Syrien-Konflikts fortführen. Während der jüngsten Gespräche in Wien hatten sich Moskau, Washington, Riad und Ankara nicht auf eine gemeinsame Linie einigen können, was die Zukunft Assads betrifft.

          Die Oppositionsmilizen haben zuletzt die Lieferung weiterer Panzerabwehrwaffen gefordert. Einige Kommandeure haben auch die Hoffnung geäußert, dass sie eines Tages darüber hinaus schultergestützte Flugabwehrraketen erhalten. Die bewaffnete Opposition ist an mehreren Fronten mit einer Offensive des Regimes und seiner Unterstützer konfrontiert. Vor allem rund um Aleppo sei die Lage derzeit schwierig, sagt der FSA-Berater Abu Zeid. Dort kämpfe die Opposition gegen das Regime, gegen die libanesische Hizbullah, gegen iranische Verbände – und gegen den IS.

          Weitere Themen

          SPD will schnell Gespräche mit Grünen und FDP führen Video-Seite öffnen

          Bundestagswahl : SPD will schnell Gespräche mit Grünen und FDP führen

          Der bisherige SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich hat die Grünen und die FDP zu Gesprächen über eine Ampel-Koalition noch in dieser Woche eingeladen. Er warnte die „kleinen Parteien“ zugleich davor, wieder „ein Schauspiel“ wie vor vier Jahren aufzuführen.

          Topmeldungen

          F.A.Z.-Serie Schneller Schlau : Die Demographie-Falle beim Klimawandel

          11 Milliarden Menschen könnten bis zum Ende des Jahrhunderts auf dem Planeten leben. Fürs Klima ist das fatal – doch gerade für Industrieländer zeigt die Demographie einen ungeahnten Hoffnungsschimmer.
          Verabschiedung der Fregatte „Bayern“ am 2. August in Wilhelmshaven

          Indopazifik-Reise : Fregatte Bayern ankert in Perth

          Kurz nach der Verkündung eines neuen Sicherheitspakts im Indopazifik zeigt auch Deutschland in der Region Flagge gegenüber China.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.