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Syrien : Mit dem Reisebus in den Dschihad

Kampfbereit: Islamisten nahe der Grenze zwischen Syrien und dem Irak Bild: AP

Das Bürgerkriegsland Syrien ist ein attraktives Ziel für Islamisten. Im Widerstand sind sie dort eine Minderheit, gelten aber als gute Kämpfer. Auch Deutsche sind darunter.

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          Irgendwann im März war er weg. Ibrahim M. aus Pforzheim, 19 Jahre alt, hatte sich zum Kämpfen aufgemacht, gegen die Ungläubigen, wie er Freunden sagte. Dem Verfassungsschutz in Baden-Württemberg war der Deutsch-Tunesier schon eine Weile aufgefallen. Er tauchte im Frühjahr 2012 bei den Demos der Salafisten gegen die rechtsextremistische Partei Pro NRW in Bonn auf, als Salafisten Polizisten angriffen. Dann reiste er nach Ägypten, in die Easy Language School in Alexandria, wo auch deutsche Islamisten tätig sind. Nach seiner Rückkehr aus Ägypten war klar, dass Ibrahim M., den die Verfassungsschützer zunächst nur für „anradikalisiert“ gehalten hatten, nach Syrien gehen wollte, um dort zu kämpfen. Seine eigenen Einlassungen auf Facebook deuteten darauf hin.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Der erste Versuch auszureisen misslang. Die Polizei, von den Verfassungsschützern informiert, entzog Ibrahim M. bei einer Kontrolle des Busses, in dem er auf der Autobahn unterwegs war, den Reisepass. Wenig später reiste er dennoch aus. Der junge Mann, der zwischenzeitlich ins nordrhein-westfälische Gladbeck umgezogen war, nahm den Bus von Dortmund nach Istanbul. Die Reise kostet gerade einmal hundert Euro.

          Pforzheim - Gaziantep - Aleppo

          Von Istanbul ging es über Gaziantep in Südostanatolien weiter ins türkisch-syrische Grenzgebiet. Dort findet sich leicht ein Taxi, dessen Fahrer Leute über die Grenze schmuggelt, ins Gebiet von Aleppo. Eine ganze Reihe deutscher Dschihadisten hat diesen Weg genutzt, heißt es in den Sicherheitsbehörden. „Zwei bis drei Dutzend“ sollen aus Deutschland nach Syrien gereist sein, um dort zu kämpfen. Im Gebiet um Aleppo stehen zahlreiche islamistische Gruppen im Kampf gegen Assad.

          In Syrien kämpfen 5000 bis 6000 ausländische Islamisten. Sie sind zwar nur eine Minderheit des wohl hunderttausend Mann starken bewaffneten Widerstands gegen das Assad-Regime. Aber sie sind gut ausgerüstet, haben oft Kampferfahrung, viel Geld - und Erfolg im Kampf. Deswegen haben sie Zulauf. Die meisten kommen aus den arabischen Nachbarländern, aus dem Irak, Libyen oder Tunesien, auch hundert Tschetschenen sind dabei. Die Europäer sind eine Minderheit. Deutsche Sicherheitsbehörden sprechen von 500 bis 700 Mann.

          Geld für die Brüder in Syrien

          Einige deutsche Dschihadisten wie der Berliner Denis Cuspert sind von Ägypten nach Syrien gereist. Cuspert, ehemals als Gangsta-Rapper Deso Dogg bekannt, hatte seine Absicht, in Syrien zu kämpfen, zuvor in Videos verbreitet. Auch der Hassprediger Mohamed Mahmoud, der in Deutschland als Führer der verbotenen Organisation „Millatu Ibrahim“ von sich reden machte, hatte sich von Ägypten aus in den Dschihad aufgemacht. Kurz vor Ostern wurde er in der Türkei festgenommen, als er versuchte, nach Syrien einzureisen. Mitte März hatte Mahmoud in einem Video zu Anschlägen in Österreich aufgerufen. Vor wenigen Tagen beantragte die Staatsanwaltschaft Wien seine Auslieferung. Der 29 Jahre alte gebürtige Wiener ist österreichischer Staatsbürger. Dass er seinen Pass vor kurzem, videogerecht vermarktet, zerrissen und verbrannt hat, ändert nichts daran.

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