https://www.faz.net/-gpf-cn4
 

Südsudan : Der jüngste Staat

  • -Aktualisiert am

Juba: Ein Südsudanese feiert sein Land Bild: Marcus Kaufhold

Im Juli wird Südsudan seine Souveränität erklären. Damit er nicht Afrikas nächster Patient wird, braucht er Hilfe. Die Regelung der Frage um die ölreiche Region Abyei ist ein Test, ob der Norden und der Süden friedlich miteinander auskommen können.

          3 Min.

          Südsudan ist auf dem Weg in die Unabhängigkeit. Obwohl die offiziellen Ergebnisse des Referendums voraussichtlich erst Mitte Februar bekanntgegeben werden, steht die Sezession jetzt schon fest. Mehr als achtzig Prozent aller Wahlbezirke sind nach Angaben der Wahlkommission inzwischen ausgezählt, 98 Prozent der Wähler hätten dabei für die Unabhängigkeit gestimmt. Deutlicher kann ein Votum nicht ausfallen. Hinter Südsudan liegen 23 Jahre Bürgerkrieg mit dem arabischen Norden. 2,5 Millionen Menschen kamen ums Leben, mehr als vier Millionen wurden vertrieben.

          Im Juli dieses Jahres wird Südsudan dieses dunkle Kapitel seiner Geschichte endgültig hinter sich lassen - wenn die sudanesische Übergangsverfassung an ihr Ende kommt und der Süden sich für souverän erklärt. Damit wird Südsudan der jüngste Staat der Welt sein und das größte Land des Kontinents in einen schwarzafrikanischen Süden und einen arabischen Norden aufgeteilt. So sehr dem Süden nach jahrzehntelangem Leiden die Unabhängigkeit zu gönnen ist, stellt sich doch die Frage, ob der neue Staat überhaupt eine Chance hat.

          Mit dieser Sezession wird zum zweiten Mal in der Geschichte des postkolonialen Afrika das Dogma von der Unverletzlichkeit der kolonialen Grenzen außer Kraft gesetzt. Der erste Fall, die Trennung Äthiopiens und Eritreas 1993, endete in einem Krieg mit mehr als hunderttausend Toten, der beide Länder wirtschaftlich um Jahrzehnte zurückwarf. Auslöser dieses Krieges war ein Streit um die gemeinsame Währung und über die Kontrolle eines Wüstenorts namens Badme. Zwischen dem Norden und dem Südens Sudans ist die Konstellation ähnlich. Das sudanesische Badme heißt Abyei; die umstrittene Region verfügt über große Ölreserven, ihre Bevölkerung setzt sich aus arabischen Nomaden und schwarzafrikanischen Siedlern zusammen.

          Testfall Abyei

          Die Regelung der Abyei-Frage ist ein Test, ob der Norden und der Süden wirklich friedlich miteinander auskommen können. Bislang aber hat keine Seite Kompromissbereitschaft gezeigt; die Szenarien, die für die ersten Jahre des neuen Staates entworfen werden, reichen deshalb von einem neuen Krieg zwischen Nord und Süd um die Ölvorkommen in Abyei über einen internen Bürgerkrieg im Süden um die Kontrolle der Öleinkünfte bis zur Herrschaft einer Kleptokratie: Eine dünne Oberschicht bereichert sich maßlos und vergisst darüber die Entwicklung des Landes.

          Nichts davon kann ausgeschlossen werden, selbst wenn der Pessimismus, der dem neuen Staat nicht zuletzt in Afrika entgegengebracht wird, nicht frei von Kalkül ist. Denn sollte Südsudan allen Unkenrufen zum Trotz nicht im Chaos versinken, sondern sich im Gegenteil vernünftig entwickeln, bliebe dies nicht ohne Auswirkungen auf die Lage in anderen nach Unabhängigkeit strebenden Regionen des Kontinents. Das gilt in erster Linie für den langsam erodierenden Sudan mit den Krisenherden Darfur und Port Sudan und dem damit einhergehenden Druck, dem sich die Führung in Khartum aus den eigenen Reihen ausgesetzt sieht.

          Das gilt aber in gleichem Maße für die Casamance in Senegal, für die Provinz Katanga in der Demokratischen Republik Kongo, für die angolanische Exklave Cabinda in Kongo-Brazzaville und nicht zuletzt für das bevölkerungsreichste Land Afrikas, Nigeria. Dort gehören zu jeder der drei großen Ethnien Yoruba, Haussa-Fulani und Ibo mehr als 30 Millionen Menschen; keine von ihnen fühlt sich wohl in der erzwungenen Nachbarschaft der anderen. Insofern ist Südsudan der Lackmustest auf eine langfristige Neuordnung der afrikanischen Grenzen entlang ethnischer und damit kultureller Zugehörigkeit, den viele Staatschefs mit Sorge sehen. Den sprach der tschadische Präsident Idriss Déby aus der Seele, als er die Sezession Südsudans einen „gefährlichen Präzedenzfall“ nannte.

          Massive ethnische Rivalitäten

          Zunächst aber muss sich Südsudan erst einmal selbst finden. Das wird schwierig genug, denn die Aufgaben, die vor dem neuen Staat liegen, sind gewaltig. Das Land ist so groß wie Frankreich und verfügt über keine nennenswerte Infrastruktur. Buchstäblich alles muss neu gebaut werden, wobei Geld - aufgrund der enormen Ölvorkommen - die geringste Sorge der südsudanesischen Regierung sein dürfte. Es fehlen aber ausgebildete Fachkräfte, viele Menschen können nach mehr als zwei Jahrzehnten Krieg weder schreiben noch lesen. Hinzu kommen massive ethnische Rivalitäten, die sich vor allem an dem Versuch der Dinka entzünden, alle entscheidenden Posten in der neuen Verwaltung zu besetzen.

          Der südsudanesische Präsident Salva Kiir, selbst ein Dinka, hat dies erkannt und versucht seit geraumer Zeit, dem entgegenzuwirken. Entscheidend aber wird sein, ob die Bevölkerung des Südsudans in ihrem neuen Gemeinwesen relativ schnell den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt wird spüren können. Aus eigener Kraft wird das Südsudan kaum gelingen. Das Land braucht vielmehr jede Hilfe, die es bekommen kann, insbesondere die der internationalen Gemeinschaft. Anderenfalls droht der jüngste Staat des Kontinents zum nächsten afrikanischen Patienten zu werden.

          Topmeldungen

          Darf´s ein bisschen mehr sein? Wenn es nach ARD und ZDF geht, gilt das für den Rundfunkbeitrag immer.

          Gutachten zu Finanzen : Gehälter bei ARD und ZDF sind zu hoch

          Die Finanzkommission Kef schlägt vor, wie hoch der Rundfunkbeitrag sein soll. Sie prüft, wofür die Öffentlich-Rechtlichen Geld ausgeben. Jetzt stellt die Kommission fest, die Gehälter bei ARD und ZDF seien zu hoch. Besonders bei einigen Sendern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.