https://www.faz.net/-gpf-12a4i
 

Südafrika : Zumas Charmeoffensive

  • -Aktualisiert am

Hohe Zustimmung für den ANC - die Südafrikaner legen ihr Schicksal in die Hände von Jacob Zuma Bild: dpa

Mit Jacob Zuma wird bald der Prototyp des afrikanischen „Big Man“ als Präsident die Geschicke Südafrikas lenken. Ist dies der Anfang vom Ende für einen der ganz wenigen funktionierenden Staaten Schwarzafrikas? Gemach, so schlecht sind die Aussichten nicht.

          3 Min.

          Der ANC, hatte sein Spitzenkandidat Jacob Zuma im Wahlkampf getönt, werde Südafrika regieren bis zu „Jesus’ Rückkehr“. Das Ergebnis der Wahlen scheint die gewagte Prophezeiung zu bestätigen: Zum vierten Mal seit Abschaffung der Apartheid 1994 sicherte sich der „African National Congress“ mit etwa 66 Prozent eine überwältigende Mehrheit.

          Trotz allem, möchte man sagen: trotz der allgegenwärtigen Inkompetenz in den Verwaltungen, des zur Philosophie erhobenen Schlendrians und der Selbstbedienung vieler zu Amt und Würden gekommenen „Comrades“. Und trotz Zuma: ein bekennender, mit sechs Frauen verheirateter Poligamist, vermutlich korrupt und nur unter dubiosen Umständen von einem Gerichtsverfahren verschont geblieben. Einer, der sagt, er hätte in jungen Jahren jeden Schwulen sofort umgehauen, und der im Alter von 65 Jahren mit der halb so alten Tochter eines Freundes schläft, von der er weiß, dass sie Aids hat. Seit er bekannte, er habe sich mittels einer heißen Dusche vor einer Infektion geschützt, zeichnet ihn der bekannteste Karikaturist des Landes, Zapiro, nur noch mit einem aus dem Hinterkopf wachsenden Duschkopf.

          Bange Fragen, hohe Zustimmung

          Doch den Gegnern Zumas ist das Lachen inzwischen vergangen. Die vermeintliche Witzfigur wird im Mai vom Parlament zum neuen Staatschef gewählt werden. Damit wird der Prototyp des afrikanischen „Big Man“ künftig die Geschicke der mit Abstand größten Volkswirtschaft südlich der Sahara leiten, und die bange Frage, die sich dabei stellt, ist die nach einem Anfang vom Ende für einen der ganz wenigen funktionierenden Staaten Schwarzafrikas.

          Die hohe Zustimmung für den ANC aber zeigt überdeutlich, dass die meisten Südafrikaner ihr Schicksal nach wie vor gut in den Händen der ehemaligen Freiheitskämpfer aufgehoben fühlen. Und so schlecht, wie sie im Ausland oft dargestellt wird, ist die Bilanz der letzten 15 Jahre unter der Herrschaft des ANC nun auch wieder nicht. Die vom ANC dominierten Regierungen haben nahezu drei Millionen Sozialwohnungen gebaut, sie haben Kindergeld eingeführt und Pensionsansprüche. Mehr als zwölf Millionen Südafrikaner beziehen heute Sozialhilfe. Das Land kann auf ein seit 16 Jahren ungebrochenes Wirtschaftswachstum verweisen, und die früher dem Kommunismus und Marxismus nahestehenden Genossen haben sich zu überzeugten Verfechtern der Marktwirtschaft entwickelt. Die Nation verfügt über eine unabhängige Justiz, eine freie Presse und eine rührige Zivilgesellschaft.

          Im kommenden Jahr wird das Land am Kap die erste Fußball-Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden ausrichten, und speziell die Bedenkenträger mit deutschem Akzent werden sich noch wundern, wie reibungslos das vonstatten gehen wird. Die Regierung investiert gigantische Summen in den Ausbau der Infrastruktur des Landes und ist dabei nicht einmal auf ausländische Finanzierungen angewiesen. Dass sich all dies unter einem Präsidenten Zuma ändern wird, gilt als unwahrscheinlich.

          Gleichzeitig aber tickt in den Townships eine soziale Bombe. Fünfzehn Jahre nach Ende der Apartheid sind zwar alle Südafrikaner frei, die Hälfte von ihnen ist aber immer noch arbeitslos und bitterarm. Ihnen hat Zuma eine bessere Zukunft versprochen, doch wird er dieses Versprechen kaum einhalten können. Die Sozialausgaben für die 48 Millionen Südafrikaner werden von genau 5,5 Millionen Steuerzahlern finanziert, womit den Programmen zur Linderung der Armut Grenzen gesetzt sind. Zudem sind knapp die Hälfte der Steuerzahler weiß und tragen sich mit Auswanderungsgedanken, weil sie unter Zumas Vorgänger Mbeki zahlen durften und ansonsten den Mund zu halten hatten.

          Zumas Charmeoffensive

          Wenn sich zurzeit noch nicht viel über das Regierungsprogramm Zumas sagen lässt, steht doch eines fest: Zuma will, dass die Weißen eine aktivere Rolle spielen, und er lässt sie das spüren. Vor allem die Nachfahren der ersten weißen Siedler am Kap, die Afrikaaner, reiben sich verwundert die Augen über Zumas Charmeoffensive. Dahinter steckt politischer Pragmatismus, von dem beide Seiten nur profitieren können. Zuma braucht die als harte und disziplinierte Arbeiter bekannten Buren, um die unter Produktionsrückgang leidende Landwirtschaft neu zu beleben und die zum Stillstand gekommene Verwaltung auf Trab zu bringen.

          Die stereotyp als Rassisten geschmähten Buren, die im Gegensatz zu den angelsächsischen Südafrikanern keinen britischen Pass „für alle Fälle“ in der Schublade liegen haben, könnten im Gegenzug beweisen, dass sie die Ära der Apartheid endgültig hinter sich gelassen haben. ANC-Schatzmeister Mathews Phosa, der als Königsmacher hinter Zuma gilt, gesteht inzwischen öffentlich ein, dass der ANC in der Vergangenheit „Fehler“ gemacht habe. Die katastrophal verlaufene Landreform und den Einstellungsstopp für Weiße im öffentlichen Dienst zählt er ausdrücklich dazu. Das klingt nach einem Neuanfang unter weniger rassenbetonten Kriterien. Das klingt eigentlich sehr gut.

          Topmeldungen

          „March for Life“ : Gegen Abtreibungen, für Trump

          Donald Trump spricht als erster amerikanischer Präsident beim „Marsch für das Leben“, der jährlichen Demonstration der Gegner des geltenden Abtreibungsrechts. Die Aktivisten, von denen viele sonst Kliniken belagern, bereiten ihm einen warmen Empfang.

          Unternehmen in China : Coronavirus überall

          Deutsche Unternehmen sind über den Ausbruch in China alarmiert. Infizierte müssen sie bisher noch nicht beklagen, doch Notfallpläne liegen vor.

          Bundesliga-Titelrennen : Flick und seine Forderung an die Bayern

          Die Münchner kämpfen gegen einige Konkurrenten um den Titel. Vor dem Duell mit Schalke freut sich Hansi Flick über neue personelle Optionen. Eine schlechte Eigenschaft seines Teams hat ihn aber überrascht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.