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Stuttgart 21 und die Stadt : Die da oben, die da unten

Geht es ums Geld? Bild: AFP

In Stuttgart entfernen sich Stadtführung und Stadtgesellschaft immer mehr voneinander, so wie sich in der ganzen Republik immer mehr Bürger den Berliner Politikern entfremden. Projekte, die verordnet werden, wollen Bürger nicht mehr. Kleinere Städte haben längst Konsequenzen gezogen.

          7 Min.

          Vaihingen ist von der schwäbischen Kampfzone zwanzig S-Bahn- Minuten entfernt. Zu dem wohlhabenden bürgerlichen Stadtbezirk im Südwesten Stuttgarts gehört ein Teil der Universität. 50.000 Menschen leben hier. In den „Römerhof“ gehen die Amerikaner, die in der Eucom-Kaserne arbeiten, zum Rostbraten-Essen. In der Ortsmitte hat ein gerade pleite gegangener, einst einflussreicher Immobilienunternehmer ein Einkaufszentrum gebaut. Natürlich hat er es „Schwabengalerie“ getauft, natürlich sollte es die „neue Mitte“ des Bezirks sein. Der alte „Ochsen“, eine gut eingeführte Gaststätte, musste weichen; den Kommunalpolitikern fehlte die Entschlusskraft, einen Kubus aus rostigem Stahl zu verhindern. Der beliebig aussehenden Architektur aus Glas und Stein hatten sie auch nichts entgegenzusetzen, und der eingesessene Einzelhandel leidet unter dem Einkaufszentrum.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Eigentlich sollte man denken, Vaihingen wäre weit weg vom Hauptbahnhof, vom Zentrum des schwäbischen Bürgeraufstands. Aber die Protestbewegung gegen die geplanten Tunnel hat in der Stuttgarter Stadtgesellschaft tiefe Wurzeln. Die Planer von „Stuttgart 21“ wollten den Zentralen Omnibusbahnhof aus der Innenstadt in den Stadtbezirk auf den Fildern legen. Und schon debattierten die Vaihinger auch über „die da oben“ (oder besser über „die da unten im Rathaus im Talkessel“) – und über die „Arroganz der Macht“.

          Die Stuttgarter CDU setzt auf Befehl und Gehorsam

          Einer, der von Anfang an in einer Bürgerinitiative gegen den verlegten Omnibusbahnhof mitdiskutierte, ist Matthias Filbinger. Der einzige Sohn des früheren Ministerpräsidenten. Viele Jahre war er CDU-Mitglied. Katholisch. Die Naturliebe wurde ihm anerzogen. „Wir flogen nicht in den Süden, sondern wir gingen wandern“, sagt Filbinger. Der selbständige Unternehmensberater bindet keine Teddys an die Platanen im Schlossgarten. Er würde auch nie die Gelöbnisse der baumverliebten „Parkschützer“ nachbeten. Aber die Diskussion über „Stuttgart 21“ und vor allem die Art und Weise, wie die Kommunalpolitik das Projekt den Bürgern servierte, haben Filbinger der Partei seines Vaters entfremdet. Schon im Oktober 2008 trat er aus. Zwölf Jahre war er im Bezirksbeirat. „Ich bin doch in einem gut katholischen Familienhaushalt aufgewachsen, für uns gab es nichts anderes als die CDU.“

          Dieser Mappus wäre sicherlich zu netten Gesprächen bereit

          Aber die Stuttgarter CDU ist mittlerweile in einem Zustand, der auch einen Mann wie Filbinger die Konsequenzen ziehen lässt. In der Bürgerinitiative und als Bezirksbeirat kämpfte er dafür, die dauerhafte Verlegung des Omnibusbahnhofs nach Vaihingen zu verhindern. Die CDU im Stuttgarter Rathaus setzte nicht auf Dialog, den sie jetzt nachholen will, sondern auf Befehl und Gehorsam.

          Eines Tages bestellte die damalige Vorsitzende der CDU-Gemeinderatsfraktion Filbinger in ihr Büro und tadelte ihn für sein Engagement, bei dem es ja nur darum ginge, die Interessen der Bürger eines Stadtbezirks durchzusetzen. Kaum ein Bürger hat gern 150 Linienbusse in seinem Ort, aber die Bürgerinitiative und Filbinger waren kompromissbereit. Doch das half nichts. „Ich wurde aufs Rathaus zitiert und gemaßregelt. Das war nicht sehr schön, das war ein sehr autoritärer Stil. Das hatte mit Demokratie nichts zu tun“, erinnert sich der Unternehmensberater.

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