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Stuttgart 21 und die Stadt : Die da oben, die da unten

Es fing damit an, dass man gegen das Selbstverständnis der CDU als Rechtsstaatspartei handelte und die „Lex Föll“ schuf: Michael Föll, damals CDU-Fraktionsvorsitzender im Stuttgarter Gemeinderat, wollte Finanzbürgermeister werden, verfügte aber nicht über die in der Gemeindeordnung vorgeschriebenen beruflichen Voraussetzungen. Deshalb wurde die Gemeindeordnung geändert. Mitte des Jahres wurde bekannt, dass Föll, heute Finanzbürgermeister und CDU-Kreisvorsitzender, Mitglied im Beirat der Firma war, die im Auftrag der Bahn den Nordflügel des Bahnhofs abreißen sollte. Föll musste den Posten aufgeben. Die Artikel über Fölls Fehltritt hingen dutzendweise am Bauzaun. Föll sei Mitglied des „Stuttgart-21-Kartells“, höhnten die Gegner des Durchgangsbahnhofs. Damit nicht genug, die Gemeinderatsfraktion lieferte Gangolf Stocker, dem wichtigsten und zudem DKP-geschulten Funktionär der Anti-Stuttgart-21-Bewegung noch andere wunderbare Beweise für Korruption und Verkommenheit: Der Vorsitzende der Gemeinderatsfraktion musste 2008 seinen Posten aufgeben, weil er eine Vorstrafe wegen Insolvenzverschleppung verschwiegen hatte. Ein anderer CDU-Gemeinderat bezog über Jahre hinweg zu Unrecht Sitzungsgelder.

Die Bahnhof-Gegner finden sich bei den Grünen bestens aufgehoben

Seit 1974 stellt die CDU in der Landeshauptstadt den Oberbürgermeister. Das geht natürlich nicht ohne Verschleiß. Einige große Identifikationsfiguren hat sie hervorgebracht: Manfred Rommel, Gerhard Mayer-Vorfelder, Christoph Palmer. Heute gibt es nur wenige Prominente, die versuchen, gegen die emotionalisierte Masse der Gegner anzureden.

In Stuttgart entfernten sich Stadtführung und Stadtgesellschaft immer mehr voneinander, so wie sich in der ganzen Republik immer mehr Bürger den Politikern in Berlin entfremdeten. Die Politik verlor den Kontakt zur Gesellschaft, und die Gesellschaft entfernte sich von der Politik: Wie in anderen Großstädten ist auch in Stuttgart aus der Alternativbewegung der achtziger Jahre ein neues kulturelles Establishment hervorgegangen. Das Theaterhaus oder die Wagenhallen gehören zum kulturellen Leben, und diejenigen, die in diesen Kreisen den Ton angeben, würden nie CDU wählen. Gegen den neuen Bahnhof sind sie ohnehin. Galeristen, Architekten, Regisseure, Akademie-Leiter - sie alle finden sich bei den Grünen bestens aufgehoben. Von den Intellektuellen der Stadt haben sich nur die Leiterin des Landesmuseums, Cornelia Ewigleben, und der frühere Leiter der Staatsgalerie, Christian von Holst, auf die Seite der Bahnhofsbefürworter geschlagen. Den Einfluss auf das tonangebende Bildungsbürgertum hat die CDU eingebüßt.

Stuttgart ist eine Stadt, die viele Parkhäuser hat und nur wenige Plätze für Menschen. Viele städtebaulichen Projekte scheiterten, das hat die Stuttgarter zu Skeptikern gemacht. „Ich habe keine Scheu vor dem Wandel, sondern denke eher daran, dass auf Pump Gekauftes immer am teuersten ist und Erneuerungswut nicht davor zurückschreckt, die wenigen Zeugnisse der Geschichte zu opfern, die Stuttgart noch sein Eigen nennt“, schrieb die in Stuttgart aufgewachsene Schriftstellerin Anna-Katharina Hahn.

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