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Stuttgart 21 und die Stadt : Die da oben, die da unten

Der Einfluss der großen Parteien ist zurückgegangen

Zwar hatte die Familie seit dem Rücktritt des Ministerpräsidenten Hans Filbinger, dessen Todesurteile als Marinerichter im „Dritten reich“ 1978 bekannt wurden, ohnehin ein gespanntes Verhältnis zur CDU: Sie hatte das Gefühl, die Partei habe Filbinger fallen gelassen. Die Trauerrede des damaligen Ministerpräsidenten Oettinger auf den 2007 Gestorbenen und die damit verbundenen Turbulenzen versöhnten die Familie auch nicht. Es klingt dennoch glaubhaft, wenn Matthias Filbinger sagt, sein Groll auf die lokale Partei habe hiermit nichts zu tun. Seit 2009 ist er parteiloser Bezirksbeirat für die Grünen. „Über Eigentum und mein Auto lass’ ich mit mir nicht reden“, habe er den Grünen gesagt, als sie mit ihm über sein Engagement gesprochen hätten. „Wir haben doch alle unsere Häuser“, hätten sie geantwortet, erzählt er. Der Öko-Partei wird er wohl auch bei der Landtagswahl die Stimme geben.

Filbinger hält es für dringend erforderlich, die ICE-Strecke von Stuttgart nach Ulm zu bauen. Aber ihm ist die Gigantomanie des Projekts fremd, der unbedingte Wille, die Gleise für viel Geld durch die Stadt zu verlegen und in die Hänge Tunnel zu treiben. Wahrscheinlich wäre er ein zufriedener Stuttgarter Bürger und auch ein zufriedener CDU-Mann, wenn die anderen Politiker mal mit ihm vernünftig gesprochen hätten.

Es fällt auf, dass zu den Politikverdrossenen im Stuttgarter Talkessel auch viele Unternehmer, Professoren oder Intellektuelle gehören, die gebildet genug sind, um nicht alles, was schief läuft, auf typisch deutsche Weise den Parteien in die Schuhe zu schieben. Aber Projekte, die von der Rathausspitze einfach verordnet werden, wollen die Bürger nicht mehr. Das Internet versorgt sie mit sehr vielen, wenn auch ungeordneten Informationen. Der Einfluss der großen Parteien auf die Meinungsbildung ist auch deshalb stark zurückgegangen.

Beweise für Korruption und Verkommenheit

Filbinger erzählt noch ein positives Beispiel. Als vor einigen Jahren eine U-Bahnlinie verlängert wurde, waren die Anwohner zunächst empört. Als die Stadt die Bürger anhörte und eine Haltestelle um ein paar Meter verlegte, waren sie sofort zufrieden. „Manche Ängste lassen sich durch einfache technische Veränderungen überwinden.“

Vielleicht hätten die Politiker im Stuttgarter Rathaus und in der Landesregierung nur etwas besser zuhören müssen, und ihnen wären Wasserwerfer, „Lügenpack“-Rufe, „Montagsdemonstrationen“ und eine manchmal unerträglich esoterisch-emotionale Protestbewegung erspart geblieben. Vielleicht hätte Manfred Rommel dann früher gespürt, wie sich seine Stadt verändert hat. Seine Partei, die Stuttgarter CDU, hat jedenfalls in den vergangenen zehn Jahren fast nur mit Skandalen, Affären und Kabalen auf sich aufmerksam gemacht.

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