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Stuttgart 21 : Die wegdemonstrierte Zukunft

  • Aktualisiert am

Luftaufnahme des Stuttgarter Hauptbahnhofs mit seinen Gleisanlagen Bild: dapd

Sollen „Parkschützer“ im Schlossgarten, Rentner vom Killesberg oder Lehrer aus Vaihingen über ein Projekt wie „Stuttgart 21“ entscheiden? Hätten immer und überall die Anlieger und Betroffenen das letzte Wort, würde im Lande nichts mehr geschehen. Ein Gastkommentar von Thomas Löffelholz.

          Beginnen wir mit dem Wichtigsten an "Stuttgart 21", wenn man die Gegner hört: nein, nicht mit dem Juchtenkäfer, sondern mit dem Geld! Mit den Milliarden, die da hinausgeschmissen oder genauer gesagt in der schwäbischen Erde verbuddelt werden sollen. Fünf, neun oder fast achtzehn Milliarden - wer weiß? Der Autor weiß es nicht. Ihm geht es, wie es, vorsichtig geschätzt, 99,99 Prozent der Bürger geht, die am Stuttgarter Hauptbahnhof demonstrieren. Auch sie wissen es nicht. Alles andere wäre gelogen. Es wird zehn Jahre lang gebaut - in nicht nur geologisch, sondern auch ökonomisch schwierigem Terrain. Vieles ist unsicher. Und die Kalkulation solcher Mammutprojekte ist für den normalen Bürger ohnehin kaum nachzuvollziehen.

          Interessanter ist es, andersherum zu fragen: Warum regen sich die Bewohner vom Killesberg, der Weinsteige und aus Botnang über die Kosten dieses Milliardenprojektes so maßlos auf? Als Stuttgarter könnten sie, leicht zynisch, sagen: Je teurer, desto besser! Denn die Stadt Stuttgart zahlt für "Stuttgart 21" eher überschaubare Summen. Dafür aber fließen Milliarden aus den Kassen von Bahn, Bund und Land in die schwäbische Metropole und die Region. Von einem solchen Geschäft kann eine Stadt nur träumen. Es schafft Umsatz, Tausende neuer Arbeitsplätze, Steuern, nicht irgendwo, sondern in Stuttgart! Was will ein verantwortungsbewusster Stuttgarter mehr? Früher sagten die Schwaben in solchen Fällen bescheiden: "Ich bin so frei!", und nahmen das Geld.

          Heute sagen die Demonstranten: Egal! Was zu teuer ist, ist zu teuer, gleichgültig wer zahlt. Wirklich? Zum Schwaben gehört auch die Ehrlichkeit. Dass jene 50.000 in Stuttgart über Wochen hin auf die Straße gehen, um den Bahnchef Grube, den Finanzminister Schäuble und dessen Kollegen Stächele aus Baden-Württemberg sowie die Steuerzahler beispielsweise in Hamburg oder Bremen vor höheren Kosten zu bewahren, kann auch der lauteste Demonstrant einen ernsthaften Bürger nicht glauben machen. So nahe geht in der ganzen Republik herausgeworfene Staatsknete niemandem.

          Noch nicht einmal, als man den Bankenrettungsschirm aufspannte oder den Griechenland-Kredit bewilligte, ist irgendjemand durch die Straßen marschiert. Da standen ganz andere Summen auf dem Spiel. Dass man um der Milliarden willen rebelliert, ist zu nett, um wahr zu sein. Denn die Milliarden zahlen eben zum geringsten Teil die Demonstranten. Es zahlen Bahn, Bund und Land. Und deshalb sollte man auch bedenken, dass sie die finanziellen Risiken weit besser beurteilen können als der wütende Bürger vom Kräherwald. Denn sie müssten - im Falle des Falles - finanziell dafür geradestehen.

          Die gleiche Überlegung gilt auch für viele andere Sorgen, die sich die Demonstranten machen: Die Tunnel seien für den ICE zu eng, die Motoren zu schwach, um Züge auf die Alb zu schleppen, die Lößschichten würden dem Bau den Garaus machen. Unendliche Bedenken. Doch wer glaubt ernsthaft, dass der rebellierende Rentner vom Killesberg oder der Lehrer aus Vaihingen oder die Schüler im Schlossgarten hierzu wirklich Sachgerechtes sagen könnten? Hier müssen - auch in einer Demokratie - die Bahn, das Eisenbahn-Bundesamt und die Verkehrsminister samt den Fachleuten entscheiden.

          Anlieger dürfen nicht allein entscheiden

          In Wahrheit gibt es für die Stuttgarter sehr viel bessere und vor allem nachvollziehbare Gründe für den Protest. Es ist wahr: Sie sind nicht ganz so erhaben und selbstlos wie die Sorge um die finanzielle Zukunft der Republik. Vom Juchtenkäfer ist dabei immer noch nicht die Rede. "Stuttgart 21" wird die Stadt verändern. "Wunderbar!", sagen die einen, "Eine Katastrophe!" die anderen. Lassen wir dies einmal offen. Denn wirklich entscheidend ist, dass - lange bevor wir "Stuttgart 21" haben werden - der Bau dieses unterirdischen Bahnhofs das Leben jedes Stuttgarters verändern wird. Man hat Erfahrung. Die Stuttgarter Innenstadt wurde in den letzten Jahrzehnten von Nord nach Süd und von West nach Ost immer wieder "untertunnelt". Und das war für die Menschen im Tal eine schlimme Plage.

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