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Stuttgart 21 : Die wegdemonstrierte Zukunft

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"Genau!", rufen die Protestierer. "Stuttgart ist einmalig - und das soll es bleiben." Wobei schon ein kurzer Blick in dieses Tal zeigt: Es ist nicht einfach ein Juwel - mit Schloss, Schlossgarten, historischem Bahnhof und einer schönen Aussicht vom Bismarckturm. Der Blick zeigt auch: Auf jedem sechsten Hektar der Stuttgarter Talebene liegen Schotter und Schienen, hundert Hektar Scheußlichkeit. Das Bahngleisdreieck erstreckt sich vom Neckar fast zweieinhalb Kilometer weit in die Innenstadt. Kein normaler Stuttgarter Bürger kann - und will - diese Ödnis betreten. Die Gleise zerschneiden das Tal der Länge nach. Nur an einer oder zwei Stellen kann man das Tal unter den Gleisen hindurch queren.

„Stuttgart 21“ macht Stuttgart größer

Die "Parkschützer" wollen den Schlossgarten retten. Die bittere Wahrheit ist: Haben sie Erfolg, retten sie vor allem die scheußlichsten, störendsten, unnützesten hundert Hektar der Stadt. Umgekehrt beansprucht der Durchgangsbahnhof auf Dauer schlimmstenfalls zwei Hektar Park, die allerdings sogar für einen parkartigen - rollstuhlgerechten (!) - Garten genutzt werden sollen. Und vor allem: Wenn man die Gleise beseitigt, kann man von den hundert Hektar Schotterfläche einen stattlichen Teil für neue Parks nutzen.

"Stuttgart 21" macht Stuttgart größer, nicht nur ökonomisch, auch real. Die Bahn samt ihren Gleisen verschwindet aus dem Tal. Man kann herumlaufen. Die Tunnel werden, verkehrstechnisch gesehen, die "Großstadt im Kessel" ebener machen. Warum also demonstriert man wegen der Kosten, die ganz überwiegend andere tragen und die per saldo den Stuttgartern auf Jahrzehnte nützen werden? Warum konzentrieren sich die "Betroffenen" nicht auf jene Fragen, die für Stuttgart selbst wichtig sind? Und bei denen ihre "Betroffenheit" nicht gegen die Betroffenheit anderer - der Esslinger, Göppinger, Ulmer, Münchner sowie aller Bahnreisenden - abgewogen werden muss?

Die Frage ist: In welchem Stuttgart leben die Kinder und Enkel? Was kann man in ihrem Sinne mit den grässlichsten 100 Hektar Stuttgarts machen? Darf es vielleicht etwas mehr Park sein als jene zwanzig zusätzlichen Hektar, welche die Planer derzeit vorgesehen haben? Wie kann man erreichen, dass statt der Gleise offene Quartiere entstehen, in denen Menschen sich gerne bewegen oder wohnen? Leider hat man am Bahnhof in den letzten Jahren Gebäude errichtet, die "Kälte ausstrahlen" und "Menschen vor den Kopf stoßen", wie in dieser Zeitung der Stuttgarter Verleger Michael Klett beklagte: "Ein Horror!".

Aber "Stuttgart 21" muss nicht so aussehen. Es bietet, wie der Blick auf die graubraunen Gleisflächen zeigt, gewaltige Möglichkeiten, die Stadt schöner zu machen. Hier liegen für die "Betroffenen" in Stuttgart - gerade wenn sie an die kommenden Generationen denken - die richtigen, wichtigen Fragen der Zukunft. Sie treffen und betreffen die Stadt weit mehr als die Milliarden, die Bahn, Bund oder Land in die Stadt am Nesenbach investieren. Es gibt Baulärm und Ärger und Unbequemes. Aber es gibt auch Zukunft am Schlossgarten.

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