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Stuttgart 21 : Die wegdemonstrierte Zukunft

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Man könnte - zugegeben: etwas kühn - sogar Mutlangen nennen. Der Plan, dort Mittelstreckenraketen zu stationieren, brachte gewaltige Demonstrationen und Blockaden hervor. Nun sind Atomraketen mit einem Durchgangsbahnhof schwer zu vergleichen. Atomsprengköpfe gehören, das werden auch die Demonstranten in Stuttgart zugeben, in eine ganz andere Kategorie von Gefahr. Doch kein ernsthafter Historiker bestreitet heute, dass "Mutlangen" - genauer: die Nachrüstung mit jenen Raketen - paradoxerweise das Ende des Kalten Krieges beschleunigt hat. Die Stationierung machte Moskau klar, dass ein Rüstungswettlauf die Sowjetunion an ihre wirtschaftlichen Grenzen führen würde. Der Zerfall des Ostblocks und der Sowjetunion selbst begann. Hätten die Demonstranten gesiegt, vielleicht warteten wir immer noch auf die deutsche Einheit.

Das heißt nicht, dass in einer Demokratie Politiker immer recht haben und Demonstranten immer unrecht. Es heißt nur, dass in einer hochkomplexen Gesellschaft "Anlieger" nicht das letzte Wort über Projekte haben dürfen, die das ganze Land betreffen. Das zeigt sich gerade bei "Stuttgart 21" eindrucksvoll. Derzeit debattieren die Gegner so, als müsse nur der Durchgangsbahnhof verhindert werden und alles sei gut.

In Wahrheit ist gar nichts gut. Falls die Bundesrepublik Deutschland und Baden-Württemberg als Industrieland in einer globalen Welt nicht abdanken wollen, braucht man schnelle, aber auch ökologische Verkehrswege, also schnelle Züge und nicht nur Autos oder Flugzeuge. Bei einem Nein zu "Stuttgart 21" müssten deshalb andere Varianten gesucht und gebaut werden. Und sie wären für die "Anlieger" weit schlimmer als "Stuttgart 21". Gewiss, die "Anlieger" sind dann andere als jene, die im Schlossgarten aufbegehren.

Wenn der ICE - womöglich auf hochgestellten Gleisen - mit 250 Stundenkilometern durch das Neckartal und das Filstal braust, wird weit mehr Landschaft zerstört als durch einen unterirdischen Bahnhof. Die betroffenen Bürger werden viel stärker gestört sein als bei "Stuttgart 21", und dies nicht nur während der Bauzeit, sondern auf immer. Und die "Anlieger" in Untertürkheim, Esslingen und an der Fils werden mit Recht fragen, warum man jene donnernden Züge nicht in Tunnel gesteckt und entlang der - ohnehin lauten - Autobahntrasse nach Ulm habe rasen lassen. Betroffenheit ist kompliziert, auch - oder gerade - in einer demokratischen Gesellschaft.

Auf jedem sechsten Hektar der Talebene liegen Schotter und Schienen

Schauen wir noch auf Stuttgart selbst. Stuttgart ist unter den großen deutschen Städten ein Unikat. "Stuttgart hätte nicht Stadt werden dürfen." Mit diesem Satz beginnt der Historiker Otto Borst seine umfangreiche Geschichte Stuttgarts. Schon 1884 hatte Gustav Rümelin, langjähriger Kanzler der Universität Tübingen, die Frage aufgeworfen, wie eine "Haupt- und Großstadt an einer Stelle hat entstehen können, wo für den Ackerbau der Raum, für die Industrie das Wasser fehlt und der Verkehr fast von allen Seiten durch einen Kranz steiler Berge erschwert ist". Und noch einmal 200 Jahre früher, 1669, hatte Gottfried Wilhelm Leibniz dem Herzog von Württemberg in Stuttgart empfohlen, "worumb Cannstatt füglich zur Hauptstatt des Herzogthums Württemberg zu machen" sei. Dort hätte man einen schiffbaren Fluss gehabt und fleißig genutzte Fernstraßen.

Die Römer hatten dies 1700 Jahre vor Leibniz beim Bau ihres Kastells berücksichtigt. Aber der Herzog schlug die Worte des Universalgelehrten in den Wind. Also liegt die Landeshauptstadt - anders als Berlin, München, Hamburg, Hannover, Frankfurt, Düsseldorf, Köln oder Dresden - nicht in einer offenen, gut zugänglichen Landschaft, in der sich die Stadt und die Bahn ausbreiten können, sondern am Nesenbach in einem engen Tal

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