https://www.faz.net/-gpf-6kzso

Stuttgart 21 : Die wegdemonstrierte Zukunft

  • Aktualisiert am

Bei Stuttgart 21 wird es nicht anders sein. Es wird sogar länger dauern: Verkehr und Umwelt werden durch den Bau belastet. Es wird Lärm geben. Jeder am Nesenbach ist betroffen. Das ruft Angst und Wut hervor. Es erklärt, warum diesmal auch viele ältere Bürger auf die Straße gehen. Manche von ihnen werden ihr Leben nicht im neuen "Stuttgart 21" zu Ende bringen, sondern auf einer Baustelle.

Da liegt die Frage nahe: Darf man "Betroffenen" dies abverlangen? Wir leben in einer Demokratie. Da müssen die "Betroffenen" doch entscheiden können, die die Opfer bringen. Sie müssen sagen, ob sie "Stuttgart 21" wollen oder nicht. Sie sind die "Anlieger".

Das ist freilich nicht einmal die halbe Wahrheit. Wenn immer und überall die "Anlieger" das letzte Wort hätten, würde im Land nichts mehr geschehen. Nehmen wir Gorleben, zugegeben, ein krasser Fall. Könnten die Gorlebener über das Endlager für Atommüll entscheiden, wäre die Antwort klar: nicht in Gorleben! Das wäre keine Katastrophe, wenn der demokratische Staat sagen könnte: Gut, wir bauen anderwärts. Nur: Gorleben ist überall. Wo immer ein Endlager geplant wird, werden die "Anlieger" sagen: "Nicht bei uns!" Wer will auf einem Endlager leben? Die Konsequenz wäre: Es gibt kein Endlager. Die Brennstäbe, die - auch ohne Laufzeitverlängerung - im Lande herumliegen, strahlen neben den Atommeilern vor sich hin und bleiben auf alle Zeiten eine Gefahr. Nicht einmal die rabiatesten Atomkraftgegner in der Politik bestreiten deshalb, dass wir Endlager brauchen. Irgendwann werden irgendwelche Anlieger es akzeptieren müssen.

Oder betrachten wir jene "Stromautobahnen", die das Land braucht, wenn es auf CO2-freie, erneuerbare Energien setzt. Windstrom muss in gewaltigen Mengen von der Nordsee nach Süddeutschland transportiert werden oder Solarstrom aus der Sahara ins Ruhrgebiet. Wenn die "Betroffenen", die ihre Umgebung durch riesige Überlandschneisen zerstört sehen, sich an Stuttgart ein Beispiel nähmen, wäre klar: ohne uns! So gut ist kaum einer, dass er sich in der Not nicht unseres Schutzpatrons erinnerte und riefe: "Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andre an!"

Beispiel Startbahn West

Natürlich muss die Gesellschaft Bedenken und Einwände der unmittelbar Betroffenen ernst nehmen. Aber umgekehrt können die "Anlieger" auch in einer Demokratie nicht allein über die Endlagerung des Atommülls, den Transport des Ökostroms, den Bau neuer Autobahnen oder Hochgeschwindigkeitsstrecken entscheiden. Es geht auch um die Zukunft des Landes. Moderne Gesellschaften sind komplex. Bei jeder größeren Entscheidung stehen Dutzende unterschiedliche Interessen miteinander in Konflikt. Rasche Verkehrswege, Umweltschutz, Lärmreduzierung, kein Ärger mit Baustellen - die Liste ist endlos, und die meisten dieser Interessen sind legitim. Meist wird man Kompromisse finden. Aber immer wieder einmal muss ein gordischer Knoten durchhauen werden: ja oder nein.

Diese Vielfalt der Interessen bedeutet, dass die Stuttgarter Demonstranten nicht allein über einen - ökologisch sinnvollen und gesellschaftlich bedeutenden - Bahnverkehr in Baden-Württemberg, in ganz Deutschland entscheiden können. Es geht auch darum, ob Baden-Württemberg eine Verkehrsmagistrale bekommt. Es geht also auch um Ulm, Göppingen, Mannheim und München. Es geht um das ganze Land.

Ein Blick zurück zeigt zahllose eindrucksvolle Beispiele für solche Konflikte zwischen den "Betroffenen" und dem Staat. Zum Beispiel die Startbahn West in Frankfurt. Während der Proteste gegen deren Bau gab es sogar Tote. Monatelang bewohnten die Gegner ein Hüttendorf auf dem Gelände des Flughafens. Die angrenzende Walldorfer Kirchengemeinde stellte gar eine Hüttenkirche auf. Hätten die Demonstranten sich damals durchgesetzt, Frankfurt wäre nie zum europäischen Verkehrsdrehkreuz geworden, auf Augenhöhe mit den zehnmal größeren Millionen-metropolen London und Paris. Das Flughafengelände ist inzwischen die größte lokale Arbeitsstätte in der Bundesrepublik, 73 000 Menschen finden hier Arbeit und Brot. Dass Hessen mit Bayern und Baden-Württemberg um den Rang als größtes Geberland im Länderfinanzausgleich streitet, hat auch mit dieser Entwicklung Frankfurts zu tun.

Weitere Themen

Topmeldungen

Trump und die Republikaner : Ein Ende der blinden Gefolgsamkeit?

Nach wie vor steht die breite Mehrheit der Republikaner hinter Donald Trump. Doch einzelne Republikaner erwägen bereits, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Amerikas Präsidenten zu unterstützen. Sie bewegen sich dabei auf einem schmalen Grat.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.