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Stuttgart 21 : Brutal nachdenklich und irritierend beliebt

Die Verpackung ist gut, die Leute klatschen, dabei will er einiges brutal verändern: Winfried Kretschmann Bild: dpa

Winfried Kretschmann steht die bisher größte Bewährungsprobe bevor. Der Regierungschef erweckt vor der Volksabstimmung über Stuttgart 21 den Eindruck, als sei er fürs Schlimmste gewappnet.

          Das alte Schlachthofgelände versinkt im Novembernebel. Winfried Kretschmann macht seinen ersten „Kreisbesuch“ und lässt sich vom Karlsruher Oberbürgermeister Heinz Fenrich (CDU) den „Kreativpark“ zeigen. „Tollhaus“ heißt ein Veranstaltungszentrum, die Fotografen wollen den grünen Ministerpräsidenten unbedingt vor der Leuchtreklame knipsen. In zwei Tagen stimmen die Bürger in Baden-Württemberg über das Bahnhofsprojekt Stuttgart21 ab.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Egal wie das Ergebnis ausfällt: Die kommende Woche wird wohl die turbulenteste für Kretschmanns grün-rote Koalition: Während die S-21-Gegner schon die 101. Demonstration angemeldet haben, könnte es bei den Grünen, die ohne den Stuttgarter Bahnhofsprotest niemals die Landtagswahl gewonnen hätten, bald wieder strategische Auseinandersetzungen geben. Da passen solche Fotos.

          Fremdeln mit der Welt der Wirtschaft

          Man könnte meinen, die Planer der „Kreisreise“ hätten ihrem Chef mit dem Besuch im „Tollhaus“ einen Gefallen getan. Denn in dem alten Schlachthof ist nicht nur die Bestuhlung grün-rot, es handelt sich auch um einen Klassiker der alternativen Kulturszene: Anfang der neunziger Jahre noch ein Ort studentischer Off-Kultur, heute - wie der Chef des Hauses stolz ausführt - das „zweitgrößte Life-Kultur-Zentrum in der Region nach dem Staatstheater“. Kretschmann wirkt müde, er kann ohnehin schlecht schlafen, seit er regiert. Erst am Wochenanfang ist er von einer anstrengenden Südamerika-Reise zurückgekehrt.

          „Charakterisieren Sie mal die Aufführungen, was ist das für ein Genre?“, fragt er. Der Theaterleiter referiert aus dem Programm. Danach besichtigt Kretschmann das „E-Mobilitätszentrum“. So richtig Freude hat er nicht daran, sich von Ingenieuren die neuesten Techniken erklären zu lassen oder in einem zweirädrigen Elektroroller Platz zu nehmen. Mit der Welt der Wirtschaft fremdelt Kretschmann immer noch etwas. Die Antworten beim Rundgang durch das „Mobilitätszentrum“ fallen knapp und zurückhaltend aus. „Klingt gut“, sagt er. Oder: „Das ist wohl noch einigermaßen Zukunftsmusik.“

          Kein Pfennig für Straßenbau

          Wenn seit der grün-roten Regierungsübernahme überhaupt Konfliktlinien zwischen der durch die jahrzehntelange CDU-Herrschaft geprägten Gesellschaft und der Landesregierung zutage getreten sind, dann wohl am ehesten zwischen Kretschmann und einigen Wirtschaftsführern. Mit dem Bosch-Chef diskutiert Kretschmann gern. Andere einflussreiche Wirtschaftsführer gehen hingegen auf Distanz. So staatsmännisch Kretschmanns Auftritte zumeist sind, so unmissverständlich sind die programmatischen Ansagen zur Energiewende und zum Umbau der Automobilindustrie.

          Keinen Pfennig habe er für den Straßenbau übrig, hat er auf einer Veranstaltung der Dekra kürzlich gesagt. Und als einige Zuhörer irritiert fragten, ob darin die Lösung der Verkehrsprobleme des Landes bestehen könne, hat er ihnen entgegnet, alle müssten umdenken und gefälligst mehr Gebrauch vom öffentlichen Nahverkehr machen. „Die Verpackung ist gut, die Leute klatschen, dabei will er einiges brutal verändern“, bemerkte ein früher einflussreicher Landesbanker nach der Veranstaltung.

          Harmonie zwischen Kretschmann und den Kirchen

          Überaus harmonisch ist dagegen Kretschmanns Verhältnis zu den Kirchen. Der Ministerpräsident hat das Amt des Kirchenbeauftragten gleich mit übernommen. Als der Freiburger Erzbischof Zollitsch und der aus Rom angereiste Kardinal Koch zur Eröffnung des neuen Kirchenjahres kürzlich in Stuttgart sprachen, sagte Kretschmann, es sei falsch, die Religion aus dem öffentlichen Raum zu verbannen.

          „Die Kirche hat von ihrem Auftraggeber her einen kritischen, aber dennoch liebevollen Blick auf die Welt zu richten. Sie sollte sich aber auch dem Blick der Welt auf die Kirche nicht entziehen.“ Dafür bekam der Linkskatholik Kretschmann - Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken - von Bischof und Kardinal so viel Lob wie zuletzt allenfalls noch Erwin Teufel: „Ihre Worte der Achtung und des Vertrauens gebe ich gern zurück. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass an der Spitze eines Bundeslandes Christen sind“, sagte Zollitsch.

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