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Abstimmung über Stuttgart 21 : Koschte es, was es wolle

Alle, die auf die Rückfahrt des Zuges warten müssen, vertreiben sich die Zeit am Bratwurststand. „Hier waren nur Prominente, Bodyguards und ganz wenige Einheimische. Für Infrastruktur muss man doch immer investieren, es kann sich doch keiner leisten, mit der Planung von vorn anzufangen“, sagt Margit Slavik, eine Bürgerin aus Stuttgart. Kurz vor Abfahrt des Sonderzugs kommt die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender, eine bekannte Bahnhofsgegnerin, auf den Bahnhofsvorplatz. Einige gewitzte Mitarbeiter der Pro-Kampagne fotografieren sie vor Pro-Plakaten. Frau Dahlbender hat in der Tuttlinger Innenstadt gesprochen, doch in die Novemberkälte haben sich auch nur hundert Zuhörer zur Kundgebung gewagt. Sie lächelt, schüttelt Hände und nimmt den regulären Zug nach Stuttgart.

Nach einer Meinungsumfrage sind 55 Prozent der Bürger Baden-Württembergs für den Weiterbau des Projekts. Eine noch positivere Umfrage für die Befürworter bleibt in der Schublade, sie könnte demobilisierend wirken. 17 Prozent der Bürger glauben, mit dem Ankreuzen von Ja für den Weiterbau zu stimmen, es ist aber genau umgekehrt. Erfahrungswerte für die Wahlbeteiligung bei Volksabstimmungen fehlen den Demoskopen. Es hat zwar zur Gründung des Landes schon Volksabstimmungen gegeben 1951 und 1970, doch aus den damaligen Erfahrungen lassen sich keine validen Aussagen mehr ableiten.

Winfried Hermann trägt über dem Sakko eine Lederjacke. Er ist der umstrittenste Minister der grün-roten Regierung, weil er ausgerechnet als Verkehrsminister der eifrigste Gegner des Verkehrsprojektes ist. Genau genommen kämpft er seit fast zwanzig Jahren gegen die Planungen. Der Theatersaal des Alten Schlachthauses in Schwäbisch Hall ist rappelvoll. Der Minister, den sie in der Regierung nur den „Winne“ nennen, legt die Lederjacke ab. Ein Projektor wirft Säulendiagramme mit Kostenberechnungen an die Wand. Während der Schlichtung und immer, wenn die Kopfbahnhofsbefürworter ihre Ideen vorstellten, hatten diese Folien ein grünes Design, jetzt leuchten sie im zarten Gelb der PR-Kampagne des Landes. Grün regiert. „Leicht wird es für mich keinesfalls“, sagt Hermann. „Wenn gebaut wird, ist das nicht einfach für mich. Wenn die Bürger für eine Kündigung sind, auch nicht, wir wollen dann ja auch was machen. Ich bin nicht nur Minister geworden, um ein paar Monate Rabatz gegen den Bahnhof zu machen.“

„Am Montag danach wird weiterdemonstriert!“

Zuvor hat Hermann gut zwei Stunden geredet. Er hat auf den geplanten „Schrägbahnhof“ geschimpft, von einer „einspurigen Strecke mit Ampel“ nach Tübingen gesprochen und die Meinung vertreten, dass Flughafenbenutzer eigentlich keinen ICE-Fernbahnhof bräuchten, weil sie ja ohnehin Autofahrer seien. „Dieses Projekt schadet dem Nahverkehrsnutzer.“

Für den grünen Minister gibt es gute und schlechte Bahnfahrer: Die guten nehmen die Regionalbahn, die bösen wollen ICE fahren. „Der Bahnhof hat nur zehn Prozent schnelle Durchfahrer. Wir optimieren ihn mit Stuttgart 21 aber nur für diese Durchfahrer!“ Es wird schnell deutlich: Hermann kämpft gegen den Bahnhof, weil er eine andere Verkehrspolitik will, eine Politik für Radfahrer und Fußgänger. Seine Gegner nennen das Ideologie. Der Ausstieg koste nur 300 Millionen Euro, viel weniger als die von der Bahn behaupteten 1,5 Milliarden, sagt der Minister. Viele Zuhörer in der hohenlohischen Stadt hören der Rede des Ministers dankbar und empört zu. Als er schon auf die Uhr geschaut hat, steht ein Stuttgarter auf. Er wolle den Zuhörern noch eines mit auf den Weg geben. Ja, die Bahnhofsgegner würden das „Urteil“, so nennt er den Ausgang der Volksabstimmung, akzeptieren: „Aber am Montag danach wird weiterdemonstriert!“

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