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Abstimmung über Stuttgart 21 : Koschte es, was es wolle

Am Böblinger Bahnhof echauffiert sich ein älterer Herr: „Habt ihr schon mal Steuern gezahlt, der Bahnhof wird acht Milliarden Euro koschte, davon habt ihr doch koi Ahnung“, schimpft er mit breitem schwäbischen Akzent, bis ihn ein Befürworter auf die Strafbarkeit einiger seiner Schimpfwörter hinweist. Dann werden die breitschultrigen Herren nervös. Rüdiger Grube nähert sich dem Gleis. Er hat gerade im Landratsamt eine Pressekonferenz abgehalten. Um 12.10 Uhr soll der Sonderzug abfahren. Die roten Doppelstockwagen stehen bereit, die Lokomotive ist mit Stuttgart-21-Werbemotiven beklebt. Die „Gäubahn“ war mal eine wichtige internationale Strecke.

Württemberger und Badener blicken neidisch

Lenin benutzte, aus dem Schweizer Exil kommend, 1917 die „Gäubahn“, um nach Russland zu kommen. Die Franzosen demontierten 1946 als Reparationsleistung nach dem Krieg ein Gleis zwischen Horb und Tuttlingen. Die Bahn und die Politik waren dann - zum Ärger der Bürger - über ein halbes Jahrhundert nicht in der Lage, den zweigleisigen Ursprungszustand wiederherzustellen. Manche beurteilen deshalb alles kritisch, was die Bahn tut. Die Malaise der „Gäubahn“ erklärt auch den neidischen Blick, den viele Württemberger und Badener haben, wenn die Rede auf Stuttgart kommt. Auch aus diesem Grund ist der Vorstandsvorsitzende nun unterwegs. Mit den „Bürgerbahnfahrten“ will er im Rheintal, auf der Strecke Ulm-Friedrichshafen und eben hier zwischen Nordschwarzwald und dem Heuberg beweisen, dass Stuttgart 21 nicht auf Kosten der Regionalstrecken gebaut wird.

Grube hat sich an den blauen Anzug einen großen „Nein“-Button geheftet. Begleitet von Bahnmitarbeitern und der restlichen Politikprominenz, steigt er in den Sonderzug. „Haben Sie den Eindruck, es gibt neues Interesse oder auch neue Verschwörungstheorien über das Projekt?“, fragt er einen Mitstreiter der Pro-Initiative. „Nein. Die Grundstimmung ist: Genug ist genug. Und je weiter man von Stuttgart weg ist, desto geringer ist das Interesse.“

Das dicke Ende: Billige Beförderung kann teuer zu stehen kommen
Das dicke Ende: Billige Beförderung kann teuer zu stehen kommen : Bild: Fliegende Blätter

Grube meint, er sei „relaxed“ und geht durch die einzelnen Waggons. Noch habe das Projekt einen finanziellen Puffer in Höhe von 390 Millionen Euro, er habe alle Berechnungen aktualisieren lassen, das Geld werde reichen. Ein junger Befürworter schaut sich auf seinem Smartphone den Comedy-Trailer „Der Bahnhof“ an. „Und in der Rolle des Juchtenkäfers - Veronica Ferres.“ Die Bahnhofsbefürworter, die aussehen wie Parteitagshelfer von der Jungen Union, könnten sich stundenlang über den Trailer amüsieren.

Markus Kohler, ein sozialdemokratischer Bahnhofsbefürworter, erzählt im Zug von seinen Erfahrungen auf dem Rottweiler Wochenmarkt: „Wenn man die Bürger anspricht, dann nehmen die schnell die Broschüren und sind noch schneller weg, nur wenige lassen sich in ein Gespräch verwickeln. Dieses Paradoxon, dass man mit Nein abstimmen muss, wenn man für den Bahnhof ist, können wir schwer erklären.“

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