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Antisemitismus-Studie : Warum ist Uncle Sams Nase so groß?

Uncle Sam, warum hast Du so eine große Nase? Bild: AP

Die Untersuchung über den Antisemitismus in Europa, die von ihrem Auftraggeber, einer Wiener EU-Behörde, unter Verschluß gehalten wurde, liefert eine beeindruckende Materialfülle - enthält aber auch etliche Fehler.

          4 Min.

          Hat Jürgen Möllemann judenfeindlichen Gefühlen Vorschub geleistet, als er seine Angriffe gegen Ariel Scharon und Michel Friedman begann? Hat Norbert Blüm die Sprache des Antisemitismus gesprochen, als er Israels Offensive in den besetzten Gebieten einen „Vernichtungskrieg“ nannte? Gibt es, alles in allem, einen neuen Antisemitismus in Deutschland und in Europa?

          Konrad Schuller
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ja, sagten der Berliner Soziologe Werner Bergmann und die Historikerin Juliane Wetzel vom Berliner „Zentrum für Antisemitismusforschung“. Der Bericht, den sie im Februar im Auftrag der „Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“ (EUMC) geschrieben haben, den die Auftraggeber dann aber beanstandeten und bis zur vergangenen Woche fortschlossen, behauptet genau dies: Der europäische Antisemitismus kehrt wieder. Er erscheine dabei allerdings in „neuer Form“ - in einer Gestalt, die weniger diskreditiert sei als sein Urbild und eben deshalb um so besser geeignet, „sich immer mehr in den politischen ,Mainstream' hinein auszubreiten“. Seine Erkennungsmale aber seien bestimmte typische Bilder und Metaphern der Kritik an Israel.

          Untiefe im Diskurs

          Dieser Annahme folgend, haben Bergmann und Wetzel ihren Forschungen ein zentrales Problem vorangestellt: „Wann nimmt Kritik an Israel antisemitische Züge an?“ Die Frage ist relevant - richtet sie sich doch genau auf jene Untiefe im politischen Diskurs, an welcher vor einem Jahr Möllemann auf Grund lief und die Wahlniederlage des bürgerlichen Lagers in Deutschland mitverschuldete.

          Den Gefahren der Zone entsprechend, beginnen die Autoren ihre Untersuchung mit einer Klarstellung. Kritik an Israel sei „natürlich“ erlaubt, stellen sie fest - sogar bis hin zu dem Vorwurf, seine Politik sei „aggressiv, imperialistisch und kolonialistisch“. Erst nach dieser Vorrede beginnen sie, jenes System von Denkmustern zu beschreiben, das nach ihrer Analyse den neuen Antisemitismus kennzeichnet.

          Jüdische „Lobbies“

          Zu diesen Topoi gehört als krassestes, evidentestes Beispiel die Leugnung des Holocaust - vor allem, wenn sie mit dem Mythos verbunden ist, „Auschwitz“ sei von einer „jüdischen Weltverschwörung“ erfunden worden, um Europa zu diskreditieren. In engem Zusammenhang damit stehen zwei weitere, weniger evidente Motive. Erstens die immer wiederkehrende Rede vom allzu großen jüdischen Einfluß (als Echo der Propagandalegende der „Weisen von Zion“) und zweitens, abermals damit verbunden, der Hinweis auf die Rolle der jüdischen „Lobbies“ in Amerika. Antisemitischer Verschwörungsglaube und linker Antiamerikanismus gehen nach dieser Analyse deshalb vor allem im Milieu der modernen Globalisierungsgegner Hand in Hand. Als weitere Zeichen antisemitischer Haltungen werden die Gegnerschaft zum „Zionismus“ genannt, die pauschale Identifikation aller Juden mit der Politik Israels sowie vor allem auch Sprachbilder, welche die Politik Israels mit jener der Nazis gleichsetzen und damit indirekt den Opferstatus der Juden in Frage stellen.

          Bestechender Ansatz

          Der Ansatz, Europas „neuen Antisemitismus“ mit Hilfe seiner Denkmuster und Metaphern auch dort zu orten, wo er sich nicht freiwillig outen will, hat etwas Bestechendes. Gerade in Deutschland haben zwei Generationen gesellschaftlicher Ächtung rechtsradikale oder judenfeindliche Gedanken in den semantischen Untergrund getrieben. Die „Szene“ verständigt sich über zahllose Chiffren, von der simplen Zahl 18 (dem Zahlenwert der Initialen Adolf Hitlers) bis zum Terminus „Ostküste“ für das „verjudete“ Amerika. Zahllose Verfassungsschützer sind bis heute damit beschäftigt, solche Codes zu entdecken, um sie, etwa auf Demonstrationen, verbieten zu können. Es liegt deshalb nahe, auf der Suche nach dem neuen Antisemitismus auch nach seinen Rauchsignalen Ausschau zu halten.

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