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Streitkultur im Netz : Unser Internet ist zu amerikanisch

  • -Aktualisiert am

Facebook-Chef Mark Zuckerberg bei einer Anhörung im Repräsentantenhaus Bild: AP

Viele Menschen halten die außer Kontrolle geratene Streitkultur im Internet für eine Folge der Technik. Dabei hat sie vor allem mit dem Herkunftsland der Netzkonzerne zu tun.

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          Wer als Tourist das erste Mal nach Amerika fliegt, erlebt einen Aha-Moment. Er sieht die Straßenzüge, die Taxis, die Menschen, und versteht: Jene Welt, die er aus amerikanischen Vorabendserien kennt, ist keine künstliche, überdrehte Fernsehphantasie. Es ist das ganz gewöhnliche amerikanische Alltagsleben.

          Mit unserer Diskussionskultur im Internet ist es ähnlich. Viele Deutsche sehen die Art, wie im Internet gestritten wird, als etwas Künstliches. Sie glauben, das liege an der Technik. Im Netz, sagen sie, seien die Dinge eben wild und ungesteuert. Andere glauben, der Hass entstehe, weil wir im Internet Sprechakte ohne Kontext hören. Über das, was ein anonymer Tiradeur nachts nach dem dritten Glas Rotwein in die Tasten hämmert, schütteln Klarsichtige morgens beim Frühstück den Kopf. Viel zu selten wird bemerkt, dass die ultraliberale Streitkultur, die amerikanische Konzerne im Internet schaffen, etwas mit ihrem Herkunftsland zu tun hat. Das Netz ist nicht einfach das Netz. Es ist zutiefst amerikanisch.

          In Amerika darf ein Bürger nicht nur öffentlich den Holocaust leugnen, die Überlegenheit der weißen Rasse behaupten und die Errichtung einer kommunistischen Ein-Parteien-Diktatur fordern. Er darf auch damit rechnen, dass seine Mitbürger in sehr unverhohlener Weise auf seine Vorschläge antworten. Amerika ist eine in vielen Bereichen auf Konfrontation angelegte Gesellschaft. Der Staatsanwalt spricht gegen den Angeklagten, der wehrt sich mit allem, was er hat. Der Doktor verkauft die teuerste Behandlung, der Patient wechselt empört die Praxis. Schon in Debattierclubs an Schulen üben Jugendliche die größtmögliche Konfrontation. Brüllt einer, wird zurückgebrüllt.

          Gestalter von Netzen: Zuckerberg bei einer Entwicklerkonferenz in San Francisco 2011

          Die Redefreiheit hat aber auch in Amerika Grenzen. Verboten sind Aufrufe zu unmittelbarer Gewalt, das Verbreiten von Nacktfotos, Urheberrechtsverstöße und – Stichwort Corona – Lügen, die Menschen unmittelbar in Gefahr bringen. Deutsche kennen das als Facebook-Regel: Bei Hetze ist die Liberalität groß, weibliche Brustwarzen aber sind streng verboten. Es sind die Werte der amerikanischen Republik. Nicht alle davon passen zu Deutschland.

          Auch bei Corona richten sich Facebook, Google und Twitter nach diesen amerikanischen Werten. Da gehen sie brachial gegen Falschnachrichten und Verschwörungstheorien vor. Ihre Algorithmen bevorzugen auf einmal seriöse Quellen. Über Google sind unter „Covid-19“ nur mit Mühe Verschwörungstheoretiker zu finden. Eine unsichtbare Hand sortiert Informationen in gute und schlechte. Das ist nicht das Ende der Propaganda, aber es ist mehr, als die Konzerne je versucht haben. Sie versuchen es nur, weil es um die Gesundheit geht. Gegen politische Extremisten wären sie nicht so scharf. Das ist in Amerika nicht üblich.

          Die deutsche und die amerikanische Demokratie sind nicht auf die gleiche Weise wehrhaft. In Amerika besorgen das die Bürger theoretisch in Eigeninitiative. In Deutschland warten sie eher auf Autoritäten. Wem das Wort entzogen wird, hängt dann davon ab, ob und wann die Behörden jemanden als extremistisch einstufen. Wer das Amerikanische bevorzugt, muss Volksverhetzung erlauben und Neonazis freien Lauf lassen. Sonst ist er nicht konsequent. Die Corona-Zeit sollte deshalb zu einem Nachdenken führen, wie amerikanisch unsere Netzkultur sein sollte.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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