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Deutsche Schule in Istanbul : Ehre sei allen Göttern in der Höhe

„Kulturelles Grundwissen“: Das Tor des türkisch-deutschen Istanbul Lisesi Bild: dpa

Berlin bemüht sich, aus dem Streit am türkisch-deutschen Istanbul Lisesi über Bräuche zur Weihnachtszeit keine Staatsaffäre werden zu lassen. Die angesehene Schule hat eine lange Geschichte.

          Die Bundesregierung hatte sich fest vorgenommen, die Weihnachtsaffäre an einer türkisch-deutschen Schule in Istanbul nicht zum Anlass für ein neuerliches Zerwürfnis zwischen Berlin und Ankara werden zu lassen. Als Regierungssprecher Steffen Seibert und der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Schäfer, am Montag die Bundespressekonferenz über den Fortgang der Angelegenheit informierten, welche der (sozial-)mediale Aufreger des Wochenendes war, bemühten sich beide sichtlich um diplomatische Deeskalation.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Es gebe offenbar Gesprächsbedarf am Istanbul Lisesi, sagte Seibert, es sei auch sehr gut, dass Gespräche schon geführt worden seien. Der Bundesregierung liege nämlich sehr daran, dass die jahrzehntelange sehr gute und erfolgreiche Arbeit an dieser türkisch-deutscher Begegnungsschule fortgesetzt werden könne. Und zu dieser Arbeit gehöre natürlich, dass die deutschen Lehrer in ihrem Unterricht auch die Freiheit haben, das Thema Weihnachten aufgreifen zu können. Das sei im Übrigen „kulturelles Grundwissen“.

          Dass dies in Respekt vor allen Religionen geschehe, sei dabei eine Selbstverständlichkeit. „So - und jetzt bin ich sehr dafür, dass wir von den Vorkommnissen an einer einzigen Schule, die möglicherweise mit ein paar Gesprächen auch wieder harmonisch geklärt werden können, nicht zu einer Debatte über die gesamte Türkei-Politik der Bundesregierung oder gar das EU-Türkei-Flüchtlingsabkommen kommen.“

          Schäfer hatte zuvor schon gesagt, es habe Gespräche zwischen „türkischen und deutschen Verantwortlichen“ mit der Schule gegeben. Er sei sehr zuversichtlich, dass auch die Schule schon in Kürze mitteilen werde, dass „Missverständnisse ausgeräumt“ seien. Tatsächlich hieß es hernach in einer E-Mail der deutschen Abteilung der Schule an die deutschen Lehrer: „Nach gemeinsamer Sitzung zwischen der türkischen Schulleitung und der Leitung der Deutschen Abteilung kann ich Ihnen mitteilen, dass kein Verbot, ,Weihnachten‘ im Unterricht zu besprechen, vorliegt.“

          Die Chronologie des Streits

          Was war geschehen? An dem türkisch-deutschen Gymnasium Istanbul Lisesi war ein heftiger Streit über den Umgang mit dem Weihnachtsfest entbrannt. In einer E-Mail, welche die Leitung der deutschen Abteilung der Schule an das Kollegium geschickt hatte, hieß es: „Es gilt nach Mitteilung der türkischen Schulleitung eben, dass ab sofort nichts mehr über Weihnachtsbräuche und über das christliche Fest im Unterricht mitgeteilt, erarbeitet sowie gesungen wird.“

          Die Deutsche Presse-Agentur, der die E-Mail vorlag, berichtete über den Fall, der sodann in Deutschland einen Sturm der Entrüstung hervorrief, über den Schäfer am Montag sagte: Es sei eine „ganz interessante Koalition“, die sich da am Sonntag herausgeschält habe an Türkei-Kritikern „von Markus Söder bis Sevim Dagdelen“ - vielleicht sei das als solches schon Aussage genug.

          Der CSU-Politiker hatte gesagt, die Bundesregierung dürfe das „Weihnachtsverbot der türkischen Behörden“ nicht akzeptieren, „auch nicht aus Rücksicht auf den Flüchtlings-Deal“. Die Linken-Politikerin wiederum forderte, die deutsche Regierung dürfe es nicht mit Steuergeldern fördern, wenn in der „islamistischen Diktatur“ von Recep Tayyip Erdogan „selbst die Erwähnung von Weihnachten verboten“ werde.

          Die vom Bildungsministerium in Ankara eingesetzte türkische Schulleitung hatte - nach Beginn der Debatte in Deutschland - freilich dementiert, dass sie ein solches „Weihnachtsverbot“ ausgesprochen habe. Das entspreche nicht der Wahrheit, hieß es in einer am Sonntagabend auf der Homepage der Schule veröffentlichten Mitteilung. Allerdings hätten die deutschen Lehrer im Unterricht „vor allem in den letzten Wochen Texte über Weihnachten und das Christentum auf eine Weise behandelt, die nicht im Lehrplan vorgesehen ist“.

          Sie hätten dabei Aussagen getroffen, „die von außen betrachtet den Weg für Manipulationen freimachen“. Daraufhin habe die türkische Schulleitung „unverzüglich“ ein Treffen mit der Leitung der deutschen Abteilung einberufen, hieß es weiter. Dabei seien die deutschen Lehrer aufgefordert worden, solche „Gerüchte“ nicht zu befördern und im Sinne der „Zusammenarbeit der beiden Länder“ Sensibilität zu zeigen.

          Traditionelles Weihnachtskonzert abgesagt

          Auch die Teilnahme des Schulchors des Istanbul Lisesi am traditionellen Weihnachtskonzert im deutschen Generalkonsulat in der Metropole war am vergangenen Dienstag kurzfristig abgesagt worden. Aus dem deutschen Kollegium wurde dafür die türkische Schulleitung verantwortlich gemacht. Diese teilte am Sonntag mit: „Das betreffende Konzert wurde von den verantwortlichen deutschen Lehrern aus einem auch für uns nicht nachvollziehbaren Grund abgesagt.“

          Seiberts Hinweis, Weihnachten sei „kulturelles Grundwissen“, dessen Vermittlung selbstverständlich in Respekt vor allen anderen Religionen stattfinden müsse, ist offenbar der Versuch, deutsche Interessen und türkische Befindlichkeiten harmonisch in Einklang zu bringen.

          Die Vermittlung von religiösen Inhalten war keineswegs im Vordergrund, als in den vergangenen Jahren Schüler des Istanbul Lisesi ein Weihnachtskonzert im Kaisersaal des deutschen Generalkonsulat gaben. Wichtig war der Schule dabei, zu zeigen, dass auch das Istanbul Lisesi zum deutschen Auslandsschulwesen gehört, auch wenn an der Schule keine deutschen Schüler unterrichtet werden. Das Alman Lisesi, das verpflichtet ist, alle deutschen Schüler in Istanbul aufzunehmen, gehört selbstverständlich zum deutschen Auslandsschulwesen. Das Istanbul Lisesi besuchen indessen nach wie vor ausschließlich Schüler türkischer Nationalität.

          Schule hat eine lange Geschichte

          Das Istanbul Lisesi war eine der ersten modernen Schulen der Türkei. Es wurde 1884 mit dem Namen Numune-i Terakki von Nadir Bey gegründet, der aus Saloniki stammte, wo auch Atatürk und der Lyriker Nazim Hikmet geboren wurden. Zu jener Zeit hatte es in Konstantinopel, wie die Stadt damals hieß, nur das Galatasaray Lisesi als modernes Gymnasium gegeben, das als französische Kriegsschule junge Menschen auf die Offizierslaufbahn vorbereitete. Ende des 19. Jahrhunderts war die spätere deutsch-türkische Einrichtung eine von zwölf Sekundarschulen im gesamten Osmanischen Reich, die ein modernes Bildungsangebot vermittelten.

          Seinen heutigen Namen „Istanbul Lisesi“, also Gymnasium Istanbul, erhielt die Schule 1910. Im Zuge der deutsch-türkischen Waffenbrüderschaft kamen 1914 Familien deutscher Offiziere nach Konstantinopel; die Kinder wurden am Istanbul Lisesi eingeschult, an das Berlin deutsche Lehrer schickte. Dies brach mit dem Zweiten Weltkrieg ab. 1957 bat Ankara die Bundesregierung, an die alte Tradition anzuknüpfen, worauf Bundeskanzler Konrad Adenauer einging. Noch im selben Jahr wurde ein Kulturabkommen unterzeichnet, von 1958 an wurden deutsche Lehrer an die Schule entsandt. Die Unterrichtssprache wurde wieder Deutsch. Seit dem Jahr 2000 können die türkischen Schüler auch die deutsche Reifeprüfung (Abitur) am Istanbul Lisesi ablegen.

          Lang ist die Liste der prominenten Schüler und Absolventen der Schule. So studierte Necmettin Erbakan, der erste islamistische Ministerpräsident der Türkei, mit dem Zeugnis der Schule in Aachen. Auch die ehemaligen Schüler Mesut Yilmaz und Ahmet Davutoglu wurden Ministerpräsidenten. Die türkische Seite hat also allen Grund, nicht den Ruf einer Schule zu ramponieren, die in der Türkei ein großes Ansehen genießt.

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