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Deutsche Schule in Istanbul : Ehre sei allen Göttern in der Höhe

Sie hätten dabei Aussagen getroffen, „die von außen betrachtet den Weg für Manipulationen freimachen“. Daraufhin habe die türkische Schulleitung „unverzüglich“ ein Treffen mit der Leitung der deutschen Abteilung einberufen, hieß es weiter. Dabei seien die deutschen Lehrer aufgefordert worden, solche „Gerüchte“ nicht zu befördern und im Sinne der „Zusammenarbeit der beiden Länder“ Sensibilität zu zeigen.

Traditionelles Weihnachtskonzert abgesagt

Auch die Teilnahme des Schulchors des Istanbul Lisesi am traditionellen Weihnachtskonzert im deutschen Generalkonsulat in der Metropole war am vergangenen Dienstag kurzfristig abgesagt worden. Aus dem deutschen Kollegium wurde dafür die türkische Schulleitung verantwortlich gemacht. Diese teilte am Sonntag mit: „Das betreffende Konzert wurde von den verantwortlichen deutschen Lehrern aus einem auch für uns nicht nachvollziehbaren Grund abgesagt.“

Seiberts Hinweis, Weihnachten sei „kulturelles Grundwissen“, dessen Vermittlung selbstverständlich in Respekt vor allen anderen Religionen stattfinden müsse, ist offenbar der Versuch, deutsche Interessen und türkische Befindlichkeiten harmonisch in Einklang zu bringen.

Die Vermittlung von religiösen Inhalten war keineswegs im Vordergrund, als in den vergangenen Jahren Schüler des Istanbul Lisesi ein Weihnachtskonzert im Kaisersaal des deutschen Generalkonsulat gaben. Wichtig war der Schule dabei, zu zeigen, dass auch das Istanbul Lisesi zum deutschen Auslandsschulwesen gehört, auch wenn an der Schule keine deutschen Schüler unterrichtet werden. Das Alman Lisesi, das verpflichtet ist, alle deutschen Schüler in Istanbul aufzunehmen, gehört selbstverständlich zum deutschen Auslandsschulwesen. Das Istanbul Lisesi besuchen indessen nach wie vor ausschließlich Schüler türkischer Nationalität.

Schule hat eine lange Geschichte

Das Istanbul Lisesi war eine der ersten modernen Schulen der Türkei. Es wurde 1884 mit dem Namen Numune-i Terakki von Nadir Bey gegründet, der aus Saloniki stammte, wo auch Atatürk und der Lyriker Nazim Hikmet geboren wurden. Zu jener Zeit hatte es in Konstantinopel, wie die Stadt damals hieß, nur das Galatasaray Lisesi als modernes Gymnasium gegeben, das als französische Kriegsschule junge Menschen auf die Offizierslaufbahn vorbereitete. Ende des 19. Jahrhunderts war die spätere deutsch-türkische Einrichtung eine von zwölf Sekundarschulen im gesamten Osmanischen Reich, die ein modernes Bildungsangebot vermittelten.

Seinen heutigen Namen „Istanbul Lisesi“, also Gymnasium Istanbul, erhielt die Schule 1910. Im Zuge der deutsch-türkischen Waffenbrüderschaft kamen 1914 Familien deutscher Offiziere nach Konstantinopel; die Kinder wurden am Istanbul Lisesi eingeschult, an das Berlin deutsche Lehrer schickte. Dies brach mit dem Zweiten Weltkrieg ab. 1957 bat Ankara die Bundesregierung, an die alte Tradition anzuknüpfen, worauf Bundeskanzler Konrad Adenauer einging. Noch im selben Jahr wurde ein Kulturabkommen unterzeichnet, von 1958 an wurden deutsche Lehrer an die Schule entsandt. Die Unterrichtssprache wurde wieder Deutsch. Seit dem Jahr 2000 können die türkischen Schüler auch die deutsche Reifeprüfung (Abitur) am Istanbul Lisesi ablegen.

Lang ist die Liste der prominenten Schüler und Absolventen der Schule. So studierte Necmettin Erbakan, der erste islamistische Ministerpräsident der Türkei, mit dem Zeugnis der Schule in Aachen. Auch die ehemaligen Schüler Mesut Yilmaz und Ahmet Davutoglu wurden Ministerpräsidenten. Die türkische Seite hat also allen Grund, nicht den Ruf einer Schule zu ramponieren, die in der Türkei ein großes Ansehen genießt.

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