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Neustadt : Genossin Lebenslust

Bild: Bernd Helfert

Vor der Kommunalwahl in Schleswig-Holstein hat die Neustädter SPD ein Problem: Eine ihrer Kandidatinnen warb nackt für sich im Internet. Sie musste gehen. Nun hagelt es Proteste gegen die Partei.

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          Birgit Auras ist fünfzig Jahre alt, besitzt in Neustadt in Holstein eine Boutique, wo sie auch selbst entworfene Mode vertreibt, und sagt von sich: „Ich nehme mir die Freiheit zu sein, wie ich bin.“ Und so, fügt sie hinzu, sei auch ihre Mode.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Sie ist eine Frau, die vor Lebenslust bebt. Das ist auch ihrer Mode anzusehen, etwa den T-Shirts, die sehr freizügige Liebesmotive zeigen. Diese Lust an Leben und Mode wurde ihr nun allerdings zum Verhängnis, als sie auch in die Politik wollte.

          Im Mai sind in Schleswig-Holstein Kommunalwahlen. Frau Auras sollte für ihre Partei, die SPD, erstmals für das Kommunalparlament kandidieren. Aber dann wurde ihr Internetauftritt bekannt. Dort zeigt sie an sich selbst nicht nur ihre Mode, sondern auch die so knappen wie scharfen T-Shirts.

          Sie ist auch nackt oder kaum bekleidet zu sehen. Die Posen sind eindeutig. Ihrer Partei war das nicht recht. Frau Auras wurde aufgefordert, entweder die Bilder aus dem Netz zu entfernen oder die Kandidatur aufzugeben.

          Die stellvertretende Vorsitzende des 87 Mitglieder zählenden SPD-Ortsverbandes Margit Gieszas stellte nach einer Vorstandssitzung klar: „Wer sich im Internet leicht oder gar nicht bekleidet präsentiert, ist für ein öffentliches Amt nicht geeignet.“ Frau Auras entgegnete, sie sei von ihren eigenen Leuten diskriminiert und verletzt worden. Man sollte doch mit solchen Problemen gelassener und entspannter umgehen.

          Sie gab ihre Kandidatur tatsächlich auf, erlebt jetzt aber geradezu eine Welle der Solidarität. Auch in der eigenen Partei. Sogar die Kreisvorsitzende Regina Poersch meint, sie habe geglaubt, ihre Partei könne besser mit Vielfalt umgehen. Neustadts SPD-Ehrenvorsitzender Hermann Benker wird mit den Worten zitiert: „Ich habe irrtümlich geglaubt, die SPD sei inzwischen im 21. Jahrhundert angekommen.“

          Bergeweise E-Mails seien bei ihr angekommen, berichtet die Neustädter Modeschöpferin. Fast alle seien sie ermunternd. Es gebe nur „eine verschwindend geringe Zahl an negativen Stimmen“. Sie habe, so die Genossin Auras weiter, „Rotz und Wasser geheult vor Rührung“. Und sie würde doch noch zur Wahl antreten, wenn es die Partei so wollte.

          Dann wäre sie möglicherweise ein Wahlschlager. Ähnliches gab es schon einmal, als zwölf SPD-Frauen aus Offenbach sich weitgehend nackt auf einem Kalender zeigten. Ihrem Neustädter Geschäft jedenfalls tut die Auras-Affäre bestimmt gut. Wozu Politik doch taugt.

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