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Memmingen : Aufs Spiel gesetzt

Bild: Bernd Helfert

Bayern denkt über eine Lockerung des Rauchverbots nach. Ein Blick nach Memmingen könnte dabei helfen. Dort hat ein Gastwirt seine Kneipe kurzerhand zum Kunstwerk erklärt - denn Rauchen ist dann erlaubt.

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          Die Gäste der Memminger Pilsbar „Treff“ scheinen Anhänger des „Method Acting“ zu sein: Wie Robert de Niro, der einst 27 Kilogramm an Gewicht zulegte, um im Film „Raging Bull“ glaubhaft einen alternden Boxer spielen zu können, nehmen auch sie ihre Rollen in dem Laientheaterstück „Als man in Bayern noch ungeniert rauchen durfte“ so ernst, dass sie dafür sogar ihre Gesundheit aufs Spiel setzen.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Sie könnten Zigarettenattrappen benutzen, nur zum Schein inhalieren oder Nebelmaschinen einsetzen. Aber nein: Die Mimen ziehen den Zigarettenrauch bis ins letzte Lungenbläschen, sie nehmen keine Rücksicht auf die Gäste, die neben ihnen sitzen, und vermeiden es, an die frische Luft zu gehen. Manche haben jahrelang für ihre Rolle geprobt: Kette geraucht, kaum Sport getrieben, den Husten ignoriert oder mit dem Rauchen aufgehört, um dann, vielleicht 27 Kilogramm schwerer, wieder damit anzufangen.

          In dem Stück, das auf eine Idee des Wirtes Robert Manz zurückgeht, aber ohne Textbuch auskommt und mithin von der Improvisation der Pilsbar-Gäste lebt, gibt es Routineraucher, Nachwuchshoffnungen, die schon Ornamente in die Luft blasen können, und solche, die in der Rolle des Nichtrauchers aufgehen, den es nicht stört, dass die anderen rauchen. Nur Zuschauer gibt es nicht. Das ganze Kneipenleben ist ein Spiel.

          Im bayerischen „Gesetz zum Schutz der Gesundheit“, das am 1. Januar in Kraft getreten ist und Tabula rasa mit der Raucherei machen will, sind nur drei Ausnahmen vom Verbot genannt: In privaten Wohnräumen darf geraucht werden, bei Vernehmungen (wenn es der Polizist, Staatsanwalt oder Ermittlungsrichter erlaubt) und „bei künstlerischen Darbietungen, bei denen das Rauchen als Teil der Darbietung Ausdruck der Kunstfreiheit ist“. Manz, ein früherer Polizeibeamter, hat den Gesetzgeber beim Wort genommen und kurzerhand aus seiner Kneipe ein Theater und aus dem rauchigen Treiben eine ständige Performance gemacht.

          Der Memminger Oberbürgermeister Ivo Holzinger (SPD), der Manz schon lange kennt, findet das „eine lustige und gar nicht so dumme Idee, die allerdings die Umgehung des Verbots fast auf der Stirn trägt“. Im Rathaus werde gegenwärtig geprüft, ob das Rauchen in der Pilsbar als Ordnungswidrigkeit zu behandeln ist. Für diesen Fall soll nach Angaben Holzingers das Bußgeld gerade so hoch angesetzt werden, dass Manz dagegen Einspruch bei Gericht einlegen kann. Dort würde auch darüber zu befinden sein, ob Joseph Beuys recht hatte mit seiner Behauptung, dass jeder Mensch ein Künstler sei.

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