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Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ : Worum es geht

Es gab viele Stühle im Stiftungsrat - für Erika Steinbach aber war anscheinend kein Platz Bild: APN

Auch nach Erledigung der Personalie Steinbach wird weiter über den Sinn und Zweck der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ gestritten. Noch fehlt der Konsens darüber, worum es geht: ein „sichtbares Zeichen“ kollektiver Erinnerung dieses Landes - oder ein weiteres Instrument zur Versöhnung insbesondere mit Polen?

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          Vergangenheitsbewältigung ist eine deutsche Spezialität. Das gilt für die Art, wie Deutschland sich mit den Verbrechen auseinandersetzt, die in seinem Namen begangen wurden - aber auch für den Umgang mit den eigenen Opfern. Kein zweites Volk hat die „Aufarbeitung“ seiner Tätergeschichte mit solcher Gründlichkeit betrieben wie das deutsche. Und doch tut dieses Land sich einzigartig schwer damit, dem öffentlichen Gedenken an die Menschen und Völker, die unter Hitler litten, ein einträchtiges, würdiges Gedenken an die Deutschen folgen zu lassen, denen im Krieg und nach seinem Ende Unrecht von anderer Hand widerfuhr. Das beste und zugleich schlechteste Beispiel dafür ist der seit Jahren schwelende und immer wieder aufflammende Streit um die Vertreibungsgedenkstätte in Berlin.

          Er sollte ein Ende finden mit der Errichtung der unselbständigen Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ noch zu Zeiten der großen Koalition. Doch auch diese Institution hat bisher wenig mehr hervorgebracht als Negativschlagzeilen. Kenner ihres dank der politischen Vorgaben komplexen Innenlebens bezweifeln, dass sie ihren Auftrag erfüllen kann. Wie auch, denn schon der ist nach wie vor strittig. Das desaströse Erscheinungsbild und die verfahrene Lage allein dem Stiftungsdirektor anzulasten wäre eine weitere Verzerrung in einem politisch hochbelasteten Disput. Die Gründe dafür liegen vielmehr in den Genen der Einrichtung. Die Stiftung kann nicht leugnen, dass sie zugleich als Bejahung und Verneinung auf die Welt kam. Sie ist sowohl das Kind des Bestrebens, eine nationale Erinnerungsstätte an die Vertreibung zu schaffen, wie auch des Versuchs, eine solche zu verhindern.

          Treibende Kraft hinter Ersterem war Erika Steinbach. Das ist der Urgrund für die Wut, die der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen in Polen, aber auch in Deutschland entgegenschlug. Polen fürchtete, eine Gedenkstätte in Berlin, die an die Austreibung der Deutschen aus dem deutschen Osten und an die Hunderttausende dabei Umgekommenen erinnerte, stelle den polnischen Opferstatus in Frage. Gar von einem Versuch der Deutschen, die Geschichte umzuschreiben, war die Rede. Bestärkt in dieser - man muss sich nur die laufende Debatte ansehen - unbegründeten Sorge wurden die Polen von deutschen Politikern aus dem linken Lager, die ebenfalls an dem vertrauten Beziehungsmuster zu Polen und an ihrem liebgewonnenen eindimensionalen Geschichtsbild festhalten wollten, auch um ihrer Deutungshoheit über die Vergangenheit willen. Ergänzungen sollten, wenn überhaupt, nur mit ihrer Zustimmung und der Polens erlaubt sein.

          Der Konflikt ist programmiert

          Erika Steinbach aber trieb das von ihr und dem von der SPD offenbar schon vergessenen Peter Glotz gegründete Projekt „Zentrum gegen Vertreibungen“ bis zu dem Punkt voran, an dem es selbst ihre eigene Partei, die CDU, nicht länger ignorieren konnte - von der auf diesem Feld schon immer große Sprüche klopfenden CSU ganz zu schweigen. Doch die Entscheidung der schwarz-roten Koalition, der Vertreibung ein „sichtbares Zeichen“ zu setzen, war ein Erfolg mit Widerhaken für das Vorhaben. Denn hinter diesem Beschluss stand nicht nur auf Seiten der SPD das Motiv, das Projekt unter staatliche Kontrolle zu bringen und Polen so zu beruhigen.

          Heraus kam eine Stiftungslösung, die wie ein Reservat anmutet. Dort darf, wie auch schon im deutsch-tschechischen Gesprächsforum, eine Handvoll Eingeborener unter Aufsicht vieler weißer und natürlich weiser Brüder darüber palavern, ob und wie der Indianerkriege zu gedenken sei - in den Grenzen, die der derzeit ziemlich kleinmütige Große Geist der Versöhnung zieht. Den Rothäuten war es nicht einmal erlaubt, selbst zu bestimmen, wen sie an Neumanns Lagerfeuer schicken. Denn als das ganze Projekt nicht mehr zu verhindern war, musste als sichtbares Zeichen an Polen wenigstens Erika Steinbachs Kopf fallen. An dieser Enthauptung beteiligte sich sogar noch der deutsche Außenminister.

          Ruhe ist dennoch nicht eingekehrt, weil auch nach Erledigung der Personalie Steinbach kein Konsens darüber besteht, was diese Stiftung eigentlich sein soll: ein „sichtbares Zeichen“ dafür, dass die Erinnerungen der Vertriebenen und die Erfahrung des Heimatverlusts als Teil der kollektiven Erinnerung dieses Landes angenommen worden ist - oder ein weiteres Instrument zur Versöhnung insbesondere mit Polen? Die SPD, die keine nationale Gedenkstätte will und das Scheitern ihrer Internationalisierungsstrategie nicht verwunden hat, arbeitet weiter verbissen an dieser Umdeutung. Der Konflikt, ein zutiefst politischer, ist somit programmiert. Er betrifft das deutsche Selbstverständnis im Umgang mit der eigenen Geschichte und kann daher nicht von noch so vielen Wissenschaftlern aus dem Osten gelöst werden, die wohl oder übel auch in politischer Mission (ihrer Länder) unterwegs sind.

          Drei Mitglieder des Beraterkreises, darunter ein Pole und eine Tschechin, gaben schon ihr Mandat zurück. Der polnische Historiker begründete seinen Austritt damit, dass es in der Stiftung nicht um die Versöhnung mit den Nachbarn gehe, sondern um die Versöhnung der Deutschen mit sich selbst. Man wünschte sich, auch mancher Deutsche begriffe das endlich.

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