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„Sterbehilfe-Skandal“ : Roger Kusch - auch strafrechtlich kaum zu fassen

  • -Aktualisiert am

Kusch führt seine Selbsttötungsmaschine vor Bild: dpa

Der ehemalige Justizsenator inszeniert Sterbehilfe zum Zuschauen. Damit will Kusch die juristische Prüfung der Sterbehilfe erwirken - und seine Eitelkeit befriedigen. Vorerst bleibt der Fall ohne rechtliche Konsequenzen. Die Staatsanwaltschaft Würzburg geht von einem „normalen Suizid“ aus.

          Roger Kusch kann zufrieden sein. Auch wenn man nicht freundlich über ihn spricht, er beherrscht wieder einmal die Schlagzeilen. Seine früheren Parteifreunde von der Hamburger CDU nennen sein Handeln „zutiefst inhuman“. Heftige Kritik kam aus dem Bundesvorstand: Von einem „Sterbehilfe-Skandal“ sprach CDU-Vorstandsmitglied Otto Wulff und forderte „die gesellschaftliche Isolierung“ Kuschs. Wulff sagte in seiner Funktion als Bundesvorsitzender der Senioren-Union: „Der Politiker Kusch hat Beihilfe zur Selbsttötung geleistet. Das ist charakterlos. Das ist ein Verstoß gegen das fünfte Gebot.“ Wer zum Töten einlade und zynisch mit den Ängsten älterer Menschen spiele, schließe sich selbst aus der zivilisierten Gesellschaft aus. Bei der Hamburger SPD hieß es, Kusch sei schwer zu ertragen. Der scheidende Bischof der evangelischen Kirche von Nordelbien, Hans-Christian Knuth, sagte, er sei schockiert.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Kusch indes stört das alles nicht. Er ist sturmerprobt. Am Wochenende hatte er öffentlich gemacht, einer 79 Jahre alten Frau in Würzburg Sterbehilfe geleistet und deren Sterben gefilmt zu haben. Die Frau sei nicht sterbenskrank gewesen, sondern habe aus Angst vor dem Pflegeheim sterben wollen. Kuschs Spritzenautomat, eine Art Todesmaschine, die er vor ein paar Monaten vorgestellt hatte, kam dabei nicht zum Einsatz.

          Kusch weiß genau, was er tut

          Der frühere Hamburger Justizsenator handelt aus zwei Motiven: Zum einen befeuern die Schlagzeilen seine beinahe sprichwörtliche Eitelkeit. Gern sieht sich Kusch in einer diabolischen Rolle. Seine Pressekonferenzen sind Theater, und er führt bei jedem Punkt strikte Regie. Zum anderen aber geht es ihm auch darum, eine Klärung darüber herbeizuführen, wie es sich in Deutschland mit der Sterbehilfe rechtlich verhält - und nicht nur mit der Sterbehilfe, sondern auch mit der Frage, ob ein Mensch nicht nur sein Leben, sondern auch sein Sterben bestimmt.

          Kusch ist Jurist, hat zum Thema Sterbehilfe mehrfach in Fachzeitschriften publiziert und weiß genau, was er tut. Strafrechtliche Folgen muss er wohl nicht befürchten: Der Würzburger Leitende Oberstaatsanwalt Lückemann sagte am Dienstag nach der Obduktion der 79 Jahre alten Frau: „Es handelt sich um einen normalen Suizid ohne rechtlich relevante Fremdbeteiligung“.

          Schon in seiner Zeit als Justizsenator in Hamburg - er übte das Amt von 2001 bis 2006 aus - war Kusch zu dem Schluss gekommen, dass Sterbehilfe auch in der Bundesrepublik unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt sei und sterbewillige Kranke nicht in die Schweiz fahren müssten. Seitdem wurde Kusch nicht müde, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen, wohl wissend, dass der Widerstand gewaltig sein würde. Der Widerstand war schon in der eigenen Partei groß. Zwar wurde er als Justizsenator von Bürgermeister Ole von Beust (CDU) aus einem anderen Grund entlassen - der sogenannten Protokoll-Affäre -, aber Beust sagte damals, Kuschs Umgang mit den fälschlich an ihn geschickten Protokollen sei für seine Entscheidung nur der Schlussstein einer längeren Entwicklung gewesen. Das bezog sich auch auf Kuschs Einlassungen über die Sterbehilfe, ebenso aber darauf, dass Kusch angeregt hatte, das Jugendstrafrecht ganz abzuschaffen.

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